Carolina Correia dos Santos ist Professorin für Literaturtheorie an der Universidade do Estado do Rio de Janeiro (UERJ) und forscht derzeit im Ibero-Amerikanischen Institut (IAI), Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Rahmen eines CAPES-Humboldt-Forschungsstipendiums (externer Link, öffnet neues Fenster). Das renommierte Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung (externer Link, öffnet neues Fenster) und der brasilianischen Wissenschaftsförderorganisation CAPES (externer Link, öffnet neues Fenster) (Coordenação de Aperfeiçoamento de Pessoal de Nível Superior) bietet erfahrenen Forschenden aus Brasilien die Möglichkeit, in Kooperation mit wissenschaftlichen Gastgebenden an Forschungseinrichtungen in Deutschland eigenständige Forschungsvorhaben zu verwirklichen.
Wie das Anthropozän unser Denken über Literatur beeinflusst
Ein Interview mit Carolina Correia dos Santos, derzeit als CAPES-Humboldt Research Fellow am IAI, die in ihrer Forschung verschiedene Wissensbereiche und Disziplinen verbindet und eine Brücke zwischen Naturwissenschaften und Literaturtheorie schlägt.
Literatur im Anthropozän
Carolina, eines Ihrer zentralen Forschungsinteressen ist das Anthropozän. Neben anderen Forschungsaktivitäten sind Sie Teil der Forschungsgruppe „Grupo de Estudos da Literatura no Antropoceno“ (Gela), die sich mit Literatur im Anthropozän beschäftigt. Einfach ausgedrückt gilt das Anthropozän als Zeitalter, in dem der Mensch zum bedeutendsten Faktor geworden ist, der die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde beeinflusst. Was definiert dann Literatur im Anthropozän?
Das ist eine gute Frage – eine, auf die es keine eindeutige oder richtige Antwort gibt. Literatur ist fast immer (wenn auch nicht immer) eine Reaktion auf die Zeit und die Umstände, in denen sie entsteht. Eine Definition von Literatur im Anthropozän wäre jedoch zu vereinfachend und deterministisch – dies würde zudem eine Reihe von Werken außer Acht lassen, die heute entstehen und sich möglicherweise nicht an eine Liste typischer „Anthropozän-Themen oder -Fragen“ halten. In diesem Sinne glaube ich, dass das, was vom Anthropozän wirklich beeinflusst ist, unser Denken über Literatur ist – also Literaturkritik und Literaturtheorie. Ein Großteil der lateinamerikanischen Literaturkritik hat sich beispielsweise politischen Bestrebungen zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung, der Industrialisierung und des Kampfes um Autonomie (von ehemaligen und neuen imperialen Mächten) angeschlossen. Wie können wir diese Forderungen mit dem Klimawandel in Einklang bringen, der doch gerade die Folge eben dieses Strebens nach Autonomie und Entwicklung ist? Wie würde eine kritische Agenda im Anthropozän aussehen?
Zu berücksichtigen ist zudem, dass Literatur seit jeher mit fest verankerten Vorstellungen von Zeit und Raum arbeitet, die beide durch menschliche Aktivitäten in der Welt bestimmt werden. Was geschieht also, wenn Zeit und Raum zu Kategorien werden, die nicht mehr ausschließlich menschlich sind? Im Anthropozän sprechen wir von Zeitskalen, die mit dem Alter des Planeten in Beziehung stehen und weit entfernt sind von den Hunderten oder Tausenden von Jahren, an die wir gewöhnt sind. Zudem wurde Raum traditionell als objektives Element verstanden, das zwar teilweise vom Menschen konstruiert wurde, aber hauptsächlich als eine Art Kulisse, als Bühne für menschliches Handeln diente. Im Anthropozän müssen diese Kategorien, die üblicherweise als Subjekt und Objekt getrennt betrachtet wurden, jedoch gemeinsam gedacht werden. Die Kulisse ist nicht einfach immer da, unabhängig davon, was Menschen mit ihr anstellen; sie ist weder „passiv“ noch bloß ein Objekt. Der Raum verfügt sozusagen über Handlungsfähigkeit, wie die sogenannten „Naturkatastrophen“ des Anthropozäns (Hitzewellen, Waldbrände, schmelzende Polkappen und Versauerung der Meere) gezeigt haben.
Der Amazonas im Werk von Euclides da Cunha
Ihr aktuelles Forschungsprojekt trägt den Titel “Colonialism in Os Sertões and the Anthropocene: Euclides da Cunha’s Narrative in Relation to European Travel Accounts and the Environmental Crisis” (frei übersetzt „Kolonialismus in Os Sertões und das Anthropozän: Euclides da Cunhas Narration im Bezug zu europäischen Reiseberichten und ökologischer Krise“). Wie würden Sie den Kern Ihres Projekts in drei oder vier Sätzen beschreiben?
In diesem Projekt versuche ich, eine Verbindung zwischen dem brasilianischen Schriftsteller Euclides da Cunha und europäischen Naturforschern herzustellen, die im 19. Jahrhundert nach Brasilien reisten. Ich untersuche, wo und inwiefern sich ihre Schriften über die Natur ähneln und unterscheiden. Meine ursprüngliche Hypothese war, dass sie dazu beitrugen, eine Diskursivität zu konstruieren, die die Beherrschung der Natur durch den Menschen verteidigt und somit zur Entstehung des Anthropozäns beitrug. Ich muss jedoch sagen, dass ich im Laufe der letzten Forschungsmonate ein besonderes Interesse daran entwickelt habe, diese Hypothese zu nuancieren. Aus diesem Grund habe ich den Schwerpunkt meines ursprünglichen Forschungsvorhabens auf da Cunhas Schriften über den Amazonas verlagert. Die meisten Schriften von Naturforschern des 19. Jahrhunderts in Brasilien konzentrieren sich auf den Amazonas, und obwohl da Cunha in „Os Sertões” eine „naturalistische“ Diskursivität annahm, erschien es wenig sinnvoll, nicht alles zu berücksichtigen, was er über die Region geschrieben hatte. Ganz anders als „Os Sertões” wurden diese Texte jedoch nie zu einem einzigen, in sich geschlossenen Werk , das eine vollfertigte These über Natur und Menschheit transportiert. Stattdessen bilden diese Texte ein in hohem Maße fragmentarisches, ungewisses und vielgestaltiges Werk einzelner Schriften, das es mir ermöglicht hat, meine ursprüngliche Hypothese zu nuancieren, die – in Anlehnung an Mary Louise Pratts These in „Imperial Eyes” – den „imperialistischen“ Charakter seines Schreibens betonte. Da Cunhas Rhetorik erschien plötzlich weniger episch und für mich damit definitiv interessanter.
Dem Unerwarteten begegnen
Warum haben Sie sich für das IAI als gastgebende Institution für Ihre Forschung entschieden?
Gerade wegen der Möglichkeit, dem Unbekannten und Unerwarteten zu begegnen. Mir war mir immer bewusst, dass das IAI mir eine hervorragende Bibliothek und ein ebensolches Archiv bieten würde, und wie erwartet meine Forschung auch über Vermittlung bei der Vernetzung mit anderen Forschenden, Forschungsaufenthalten und Reisen unterstützen würde. Genau das ist auch geschehen.
Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert, historische Fotos und aktuelle Quellen
Mit welchen Materialien aus dem Bestand der Bibliothek und vielleicht auch aus den Sondersammlungen arbeiten Sie?
Ich arbeite vor allem mit Reiseberichten europäischer Naturforscher zum Amazonasgebiet aus dem 19. Jahrhundert sowie mit aktuellen Monografien über den Amazonas von Wissenschaftler*innen außerhalb Brasiliens. Der größte Teil meiner Lektüre ist auf Englisch – also Material, zu dem ich in Brasilien kaum Zugang hätte. Etwas Besonderes war es für mich, die Fotografien deutscher Amazonas-Reisender und auch Paul Ehrenreichs Vokabularien der Sprachen zu sehen, die entlang des Purus-Flusses gesprochen werden – also jenem Fluss, über den Euclides da Cunha in seinen letzten Lebensjahren am ausführlichsten schrieb.
Der Einfluss von KI
Kehren wir auf die globale Ebene zurück und werfen wir einen Blick in die Zukunft.
Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich zu einem Faktor, der bereits jetzt und in Zukunft einen zunehmenden Einfluss auf viele verschiedene Bereiche unseres Lebens haben wird, auch auf die Literatur. Ihre Studien verbinden Literatur und das Anthropozän – welche Veränderungen oder möglichen Folgen erwarten Sie?
Um ehrlich zu sein, bin ich beim Thema KI nicht besonders begeistert. Als Professorin habe ich mit Studierenden zu tun, die scheinbar völlig abhängig davon geworden sind. Das ist nicht gut. Andererseits verbraucht KI, um zu funktionieren, riesige Mengen an natürlichen Ressourcen wie Wasser und Raum und treibt uns damit noch tiefer ins Anthropozän und in die Klimakrise. Letzten Endes bin ich unerschütterlich in meiner Bewunderung für die menschliche Zerbrechlichkeit und Prekarität. Ich schätze Kunst, die aus menschlichen Limitationen erwächst. Ich habe bisher in von KI produzierter Kunst noch nichts Interessantes gefunden und ich kann mir keine (auch nur teilweise) von KI generierte Literatur vorstellen, die sich nicht auf das Wiederholen von Allgemeinplätzen beschränkt und unsere Perspektiven verengt.
Forschunsaufenthalt in Berlin
Vor zehn Jahren, im Jahr 2016, waren Sie bereits als Gastwissenschaftlerin am IAI tätig. Hat sich Ihre Herangehensweise an die Arbeit mit den Sammlungen seitdem in irgendeiner Weise verändert? Und über den Lesesaal des IAI hinaus: Würden Sie sagen, dass Ihnen während Ihres jüngsten Aufenthalts in Berlin irgendwelche Veränderungen aufgefallen sind?
Mein erster Besuch am IAI war sehr kurz, und obwohl er äußerst wichtig war (ich erinnere mich, wie ich auf Publikationen der Comissão Pró-Yanomami gestoßen bin, die mich sehr interessiert haben), hatte ich nicht genug Zeit, den Katalog vollständig zu erkunden. Dieses Mal hatte ich die Gelegenheit, viel systematischer mit den Sammlungen zu arbeiten.
Seit meinem ersten Besuch vor etwa fünfundzwanzig Jahren hat Berlin sich stark verändert. Und auch zwischen 2016 und 2026 – aber natürlich habe ich mich auch verändert! Vor allem die Erfahrungen, die ich jetzt mache – als jemand, der in der Stadt lebt (hier gemeldet zu sein, sich mit bürokratischen Dingen auseinanderzusetzen, zu Ärzt*innen zu gehen usw.) –, lassen alles neu erscheinen. Um die Frage jedoch objektiver zu beantworten, würde ich sagen, dass Berlin internationaler und teurer wird. Es gibt auch weniger Freiräume – früher herrschte ein Gefühl der Leere, das ziemlich einzigartig war. Andererseits ist es nach wie vor eine Freude, in einer Stadt mit so vielen Bäumen zu sein und zu sehen, wie diese große Teile der Straßen vereinnahmen.
(Das schriftlich geführte Interview wurde von der IAI-Redaktion aus dem Englischen übersetzt.)
Video Vortrag Carolina Correia dos Santos (IAI-Youtube)
Ihre Cookie-Einstellungen haben dieses Video blockiert.