Vom 18. bis 20. Februar 2026 war das Ibero-Amerikanische Institut (IAI) Gastgeber des Mecila Institutional Workshops “Mecila Information Infrastructure: Taking Stock and Looking Forward”. Das Treffen brachte Wissenschaftler*innen, Bibliothekar*innen, Datenspezialist*innen und Gäste aus Deutschland und Lateinamerika zusammen, um über die Entwicklung, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Informationsinfrastruktur des Maria Sibylla Merian International Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences Conviviality-Inequality in Latin America (Mecila) (externer Link, öffnet neues Fenster) zu reflektieren. In einer Gegenwart, die von geopolitischen Spannungen, Debatten über Datenhoheit und beschleunigter digitaler Transformation geprägt ist, bot der Workshop einen Raum, um die Rolle von Wissensinfrastrukturen für die internationale und interdisziplinäre Forschung neu zu bewerten.
Die Diskussionen wurden von einer zentralen Frage geleitet: Warum sind lateinamerikanische Informationsinfrastrukturen heute von Bedeutung? Für die Region selbst, aber auch für Deutschland und Europa. Die Teilnehmenden betonten, dass Bibliotheken, Archive und digitale Repositorien keine neutralen Dienstleistungseinrichtungen sind. Sie gestalten den Zugang zu Wissen, beeinflussen die Zirkulation von Ideen und tragen zur Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses bei. In Zeiten, in denen sich politische Diskurse zunehmend auf nationale Sicherheit und strategische Kontrolle über Informationen konzentrieren, wurde die Aufrechterhaltung offener, international vernetzter Infrastrukturen als entscheidender Beitrag zu einer demokratischen Zukunft beschrieben.
Bilanz ziehen: Mecila als Laboratorium der Internationalisierung
In den vergangenen Jahren hat Mecila eine gut ausgebaute Informationsinfrastruktur entwickelt, die Partnerinstitutionen in Deutschland und Lateinamerika miteinander verbindet. Über den Zugang zu Katalogen und digitalen Ressourcen hinaus hat diese Infrastruktur die Schaffung einer elektronischen Leseumgebung für urheberrechtlich geschützte Werke ermöglicht und die Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Bibliotheken gestärkt. Diese Bemühungen gewannen in den ersten Jahren der Hauptförderphase des Projekts besondere Bedeutung, als die COVID-19-Pandemie die physische Mobilität und den Zugang zu Vor-Ort-Beständen stark einschränkte.
Der Workshop bot Gelegenheit, gemeinsam über diese Erfahrungen nachzudenken. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass Mecila als Laboratorium der Internationalisierung fungiert. Es hat nicht nur Institutionen über Kontinente hinweg miteinander vernetzt, sondern auch den Dialog darüber gefördert, wie Infrastrukturen organisiert sind, wie Ungleichheiten durch Klassifikationen und Zugangsregelungen reproduziert werden und wie diese kritisch überdacht werden können. Infrastruktur wurde wiederholt als mehr als nur Technologie beschrieben; sie umfasst Menschen, Praktiken und institutionelle Kulturen. Nachhaltige Zusammenarbeit hängt von Vertrauen, langfristigem Engagement und dem kontinuierlichen Austausch von Fachwissen ab.
Open Science, Souveränität und Asymmetrien
Mehrere Beiträge befassten sich mit den Paradoxien des akademischen Publizierens und den strukturellen Asymmetrien, die in der globalen Wissensproduktion eingebettet sind. Forscher*innen generieren wissenschaftliche Inhalte, Bibliotheken erwerben sie, doch oft bestimmen kommerzielle Verlage die Zugangsbedingungen. In diesem Zusammenhang wurden Open Access und Open Science vielmehr als institutionelle und kulturelle Herausforderungen denn als rein technische Entwicklungen dargestellt. Sie erfordern Schulungen, Übersetzungen über disziplinäre und sprachliche Grenzen hinweg sowie eine Neudefinition beruflicher Rollen innerhalb von Universitäten und Forschungszentren.
Die Verbreitung lateinamerikanischer Sozialwissenschaften bildete einen weiteren Schwerpunkt. Die Teilnehmenden untersuchten, wie bestimmte Debatten international Verbreitung finden, während andere marginal bleiben, und wie Infrastrukturen wie Bibliotheken, Archive und Forschungsinstitute in diesen Prozessen als Vermittler fungieren. Süd-Nord-Wissensflüsse wurden als Räume sowohl der Zusammenarbeit als auch der Ungleichheit diskutiert, was die Notwendigkeit wechselseitiger Partnerschaften und widerstandsfähiger regionaler Infrastrukturen unterstrich.
Perspektiven aus den Naturwissenschaften
Ein Besuch im Museum für Naturkunde (externer Link, öffnet neues Fenster) bot eine zusätzliche Perspektive auf Informationsinfrastrukturen jenseits der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in Digitalisierungsprozesse für naturhistorische Sammlungen und reflektierten über die materiellen, technischen und epistemologischen Dimensionen der Umwandlung physischer Objekte in digitale Daten. Der Besuch machte deutlich, dass die Digitalisierung erhebliches Fachwissen und Ressourcen erfordert und dass die digitale Transformation weder automatisch kostengünstiger noch weniger komplex ist als die Pflege physischer Sammlungen.
Verantwortung und kulturelle Sensibilität
Der Workshop befasste sich auch mit dem Umgang mit kulturell sensiblen Materialien in Bibliotheks- und Archivbeständen. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen koloniale Kontexte der Wissensproduktion, Asymmetrien in historischen Forschungspraktiken und die Spannungen zwischen Open-Access-Prinzipien und indigenen Datenverwaltungsrahmen. Die Teilnehmenden betonten die Bedeutung langfristiger, kooperativer Prozesse sowie der Anerkennung vielfältiger Begriffswelten und Rechtsordnungen. Anstatt Zugänglichkeit und Schutz als widersprüchliche Ziele zu betrachten, wies der Austausch auf pragmatische und dialogische Ansätze hin, die Offenheit mit Verantwortung verbinden.
Bibliotheken als Lernräume
Während der gesamten Treffens wurde die Rolle der Bibliotheken als zentrale Lernräume innerhalb der Universitäten wiederholt hervorgehoben. Insbesondere bei der Erstellung von Abschlussarbeiten und Forschungsprojekten sind Studierende auf methodische Anleitung, Dokumentationsschulungen und Unterstützung bei der Orientierung in physischen und digitalen Umgebungen angewiesen. Informationsinfrastrukturen wurden daher als Bildungsräume beschrieben, die zur akademischen Kompetenz und Forschungskompetenz beitragen. Die mit dieser Arbeit verbundenen Berufsprofile überschreiten zunehmend traditionelle Unterscheidungen zwischen akademischen und administrativen Rollen und positionieren Bibliothekar*innen und Datenspezialist*innen als aktive Wissensvermittler*innen.
Blick in die Zukunft
Der Mecila Institutional Workshop 2026 bot die Gelegenheit, die laufende Arbeit in den Kontext umfassenderer Veränderungen zu stellen, die Forschungsinfrastrukturen weltweit betreffen. Die Teilnehmenden betonten, dass Zusammenarbeit der Schlüssel zum langfristigen Erfolg bleibt. Stabile Netzwerke, gemeinsames Fachwissen und gegenseitige Lernprozesse sind unerlässlich für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung transnationaler Wissensplattformen.
Durch die Zusammenführung unterschiedlicher Perspektiven aus Lateinamerika und Deutschland bekräftigte das Berliner Treffen die strategische Relevanz der Informationsinfrastruktur von Mecila. Es zeigte, dass der Aufbau und die Aufrechterhaltung solcher Infrastrukturen nicht nur eine technische Aufgabe sind, sondern auch ein soziales, politisches und intellektuelles Unterfangen, das kontinuierliche Reflexion und kooperatives Engagement erfordert.
Was ist Mecila?
Das Kooperationsprojekt „Maria Sibylla Merian International Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences Conviviality-Inequality in Latin America“ (Mecila) wurde 2017 ins Leben gerufen. Es untersucht vergangene und gegenwärtige Formen des sozialen, politischen und kulturellen Zusammenlebens in Lateinamerika und der Karibik und trägt so zu einem tieferen Verständnis von Konvivialität in ungleichen Gesellschaften bei. Mecila wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) (externer Link, öffnet neues Fenster) gefördert. Nach einer dreijährigen Vorphase und einer Hauptphase von April 2020 bis März 2026 läuft die Schlussphase des Projekts bis 2029.
Der Hauptsitz von Mecila befindet sich in São Paulo, weitere Standorte sind La Plata, Mexiko-Stadt, Köln und Berlin. Zum Konsortium gehören die Freie Universität Berlin (externer Link, öffnet neues Fenster) (Gesamtkoordination), das Ibero-Amerikanische Institut (Koordination des Forschungsbereichs Medialities of Conviviality und Entwicklung der Informationsinfrastruktur), die Universität zu Köln (externer Link, öffnet neues Fenster) (Koordination des Forschungsbereichs [Hi-] Geschichten der Konvivialität und Forschungsdatenmanagement), die Universidade de São Paulo (externer Link, öffnet neues Fenster) (Brasilien), das Centro Brasileiro de Análise e Planejamento (externer Link, öffnet neues Fenster) (São Paulo, Brasilien), das Instituto de Investigaciones en Humanidades y Ciencias Sociales (externer Link, öffnet neues Fenster) (CONICET (externer Link, öffnet neues Fenster) / Universidad Nacional de La Plata (externer Link, öffnet neues Fenster), Argentinien) und El Colegio de México (externer Link, öffnet neues Fenster) (Mexiko-Stadt) .
Im Rahmen der Förderlinie „Maria Sibylla Merian-Zentren“ strebt Mecila an, eine nachhaltige akademische Zusammenarbeit zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden zu stärken und langfristige Plattformen für die gemeinsame Wissensproduktion zu schaffen.