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Literarische Brücken und Austausch zu archivarischer Praxis

Die persönlichen Archive Clarice Lispectors und weiterer bedeutender brasilianischer Literaturschaffender sind im Arquivo-Museu de Literatura Brasileira (AMLB) in Rio de Janeiro zugänglich. Dessen Leiterin Maria Graciema de Andrade besuchte das Ibero-Amerikanische Institut.

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Maria Graciema de Andrade, Leiterin des Literaturarchivs und -museums für brasilianische Literatur AMLB (externer Link, öffnet neues Fenster) der Fundação Casa de Rui Barbosa in Rio de Janeiro besuchte gemeinsam mit dem brasilianischen Germanisten Paulo Soethe (Universidade Federal do Paraná (externer Link, öffnet neues Fenster)) am 29. Juni 2026 das Ibero-Amerikanische Institut (IAI) der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Bei ihrem Treffen mit Barbara Göbel, Direktorin des IAI und Ricarda Musser, Länderreferentin für Brasilien in der Bibliothek des IAI nahmen beide Gäste Einblick in die vielfältigen Bestände des IAI zu Brasilien. 

Der Austausch zu Rolle und Zukunft von Wissensinfrastrukturen, archivarischer und bibliothekarischer Praxis, der Bedeutung zirkulierenden Wissens sowie des Werts von Sammlungen für die Forschung machte deutlich, wie viele Parallelen zwischen beiden Institutionen bestehen – und wie verflochten auch ihre Sammlungen miteinander sind.

Drei Personen betrachten eine aufgeschlagene Publikation
Beim gemeinsamen Blick in historische Zeitschriften aus den Sammlungen des IAI v.l.n.r. Barbara Göbel (IAI), Maria Graciema de Andrade, (Arquivo-Museu de Literatura Brasileira AMLB, Fundação Casa de Rui Barbosa), Paulo Soethe (Universidade Federal do Paraná) © Ibero-Amerikanisches Institut
Publikationen mit Buchcovers aus Pappa
Bestände aus den Sammlungen des IAI zu Literatura Cartonera © Ibero-Amerikanisches Institut
Verschiedene Zeitschriftencover mit einem spielenden Kind
Sesinho, eine zwischen 1947 und 2001 publizierte brasilianische Kinderzeitschrift. Hefte aus den 1950er Jahren © Ibero-Amerikanisches Institut
Historische Plakate von Gesundheitskampagnen
Brasilianische Gesundheitsplakate der 1930er bis 1950er Jahre. Publikation zu dieser Sammlung im Open Access: Popularização da política de saúde na era Vargas publications.iai.spk-berlin.de/receive/iai_mods_00000267  © Ibero-Amerikanisches Institut

Das Vermächtnis Rui Barbosas und die Schreibmaschine Clarice Lispectors

Die Fundação Casa de Rui Barbosa ist im ehemaligen Wohnhaus des brasilianischen Juristen, Politikers, Schriftstellers und Intellektuellen Rui Barbosa de Oliveira (1895-1923) ansässig, der vehement für die Republik und gegen die Sklaverei eintrat. Die 1966 gegründete Stiftung ist als öffentliche Einrichtung dem brasilianischen Ministerium für Kultur zugehörig. Hervorgegangen ist sie aus dem – schon 1930 vom damaligen brasilianischen Präsidenten eingeweihten – Museum und Archiv zum Lebenswerk Barbosas und dessen Rezeption.

Auf Initiative des brasilianischen Lyrikers Carlos Drummond de Andrade entstand unter dem Dach der Stiftung 1972 das Arquivo-Museu de Literatura Brasileira (AMLB (externer Link, öffnet neues Fenster)) als Archiv für die Forschung zu brasilianischer Literatur. Es beherbergt Manuskripte, persönliche Aufzeichnungen, Korrespondenzen und weitere Materialien von einer Vielzahl bedeutender Vertreter*innen des literarischen Erbes Brasiliens – viele der Nachlässe sind Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO (externer Link, öffnet neues Fenster). Im AMLB befinden sich auch andere Objekte der Zeit- und Literaturgeschichte wie eine an Guimarães Rosa verliehene Medaille, die der von ihm selbst und seiner Ehefrau in seiner Zeit als Vizekonsul 1938 bis 1942 in Hamburg geretteten Menschen gedenkt, die Schreibmaschine Clarice Lispectors oder die Brille Carlos Drummond de Andrades.

Bei ihrem Besuch im IAI schenkte Maria Graciema de Andrade (Arquivo-Museu de Literatura Brasileira AMLB, Fundação Casa de Rui Barbosa) dem IAI einen Band annotierter Korrespondenz zwischen Mário de Andrade und Rodrigo M.F. de Andrade sowie Bände zu Archivierungsleitlinien und zur Entstehungsgeschichte des AMLB © Ibero-Amerikanisches Institut

Literarische Brücken und Literatur an der Kordel

Für die Vermittlung der großen literarischen Werke dieser drei und einer Vielzahl weiterer brasilianischer und lateinamerikanischer Autor*innen ins Deutsche war insbesondere in den 50er- und 60er Jahren die Arbeit des Übersetzers Curt Meyer Clason prägend. Dessen Nachlass sowie belletristische Werke der von ihm ins Deutsche übertragenen Schriftsteller*innen und entsprechende geistes- und sozialwissenschaftliche Sekundärliteratur finden sich in Berlin im IAI mit einer der weltweit größten Forschungsbibliotheken zu Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal.

Sowohl die Fundação Casa de Rui Barbosa (externer Link, öffnet neues Fenster) in Brasilien als auch das IAI in Deutschland beherbergen zudem in ihren Sammlungen eine spezifische brasilianische Literaturform, deren Anfänge zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit der Einwanderung aus Europa und dortigen Erzähltraditionen verknüpft ist. Die Literatura de Cordel, benannt nach den an einer Schnur oder Kordel zum Verkauf auf Märkten und Plätzen aufgereihten kleinformatigen Heftchen, ist eine Form der Populärliteratur, die in Brasilien europäische, afrikanische und indigene Erzähltraditionen aufnahm. In Inhalt, Form und Gestaltung ausgerichtet an ihrem Publikum, sind diese Hefte bis heute ein wichtiges Massenmedium, das ininzwischen auch im Internet erscheint.

Wie Wissen und Geschichten wandern und welch zahlreiche Brücken zwischen Brasilien und Deutschland bestehen, thematisiert u.a. der Katalog zur Ausstellung Katalog zur Ausstellung (externer Link, öffnet neues Fenster)Aufbruch in ein fremdes Land : 200 Jahre deutschsprachige Einwanderung nach Brasilien“ mit der das IAI, die Brasilianische Botschaft und weitere Partner im Jubiläumsjahr 2024 auf diesen Teil gemeinsamer Geschichte blickten.

Wissensinfrastrukturen und Forschung

Auf die Fundação Casa de Rui Barbosa geht in Brasilien eine lange Tradition im Bereich der Erhaltung und Archivierung von Dokumenten zurück. Das AMLB und das IAI verbindet somit auch die Expertise, ihre teils einzigartigen Sammlungen zu erhalten, zu erweitern und für die Forschung zugänglich zu machen.

Im Bereich Open Access gilt Lateinamerika seit Jahren als Vorreiter. Besonders Brasilien sticht mit einer hohen Zahl an Diamond-Open-Access-Zeitschriften hervor – einem Publikationsmodell, bei dem weder für Autor*innen noch für Leser*innen Gebühren anfallen. Ein neuer Band der Ibero-Online (externer Link, öffnet neues Fenster) aus dem multidisziplinären und multilingualen Publikationsprogramm des IAI – das selbst so weit wie möglich einer Free-and-Open-Access-Strategie folgt – fragt, inwieweit die Erfahrungen aus Brasilien Impulse für die Weiterentwicklung der deutschen Diamond-Landschaft bieten können. 

Welche Bedeutung parallel zum Ausbau der Digitalen Sammlungen der Forschung mit multimedialen Materialien wie Nachlässen, Fotografien oder Zeitschriften sowie Länder und Disziplinen übergreifenden Quellen an einem Ort zukommt, insbesondere aber auch welche weiteren Forschungsprojekte, Publikationen und Vernetzungen aus Gast-Forschungsaufenthalten entstehen, zeigt die Forschung von jährlich 60-70 internationalen Gastwissenschaftler*innen im IAI. Paulo Soethe recherchierte und forschte im Sommer 2025 mit Förderung der Alexander von Humboldt-Stiftung (externer Link, öffnet neues Fenster) im IAI zum Projekt lemmbra.de: Laboratório de Estudos da Memória Multilíngue Brasileira – Alemão (externer Link, öffnet neues Fenster) der Universidade Federal do Paraná (externer Link, öffnet neues Fenster).

Hochwertiges Zeitschriftencover mit goldfarbenem Druck auf zartblauem Hintergrund
Ausgabe Nr. 1 der brasilianischen Zeitschrift Frou-Frou aus dem Jahr 1923. In den Digitalen Sammlungen des IAI zugänglich unter digital.iai.spk-berlin.de/viewer/image/1672264510/1/; © Ibero-Amerikanisches Institut

Austausch und gegenseitiges Lernen

Ein Nachdenken über Wissensinfrastrukturen in Zeiten des Wandels ist Teil des internationalen Verbundprojektes Maria Sibylla Merian CentreConviviality – Inequality in Latin America“ (MECILA (externer Link, öffnet neues Fenster)), dessen Fokus auf der Analyse des Zusammenlebens in diversen und ungleichen Gesellschaften liegt. Das IAI ist zusammen mit der Freien Universität Berlin (externer Link, öffnet neues Fenster), der Universität zu Köln (externer Link, öffnet neues Fenster) und Kooperationspartnern in Brasilien, Argentinien und Mexiko beteiligt und für das Teilprojekt: „Medialities of Conviviality and Information Infrastructure“ zuständig. Das Kooperationsprojekt Mecila mit Hauptsitz São Paulo wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) (externer Link, öffnet neues Fenster) gefördert.

Der Austausch zwischen Maria Graciema de Andrade, Paulo Soethe, Barbara Göbel und Ricarda Musser im IAI unterstrich ebenfalls, welchen Stellenwert die Verbindung unterschiedlicher Perspektiven, gegenseitiges Lernen und das Gespräch in offenen Räumen hat.

Vier Personen schauen in die Kamera
v.l.n.r. Ricarda Musser (IAI), Maria Graciema de Andrade, (Arquivo-Museu de Literatura Brasileira AMLB, Fundação Casa de Rui Barbosa), Barbara Göbel (IAI), . Paulo Soethe (Universidade Federal do Paraná) © Ibero-Amerikanisches Institut

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