Kunst und Erzählkunst
Am 3. Juni 2026 fand im Ibero-Amerikanischen Institut (IAI) in Berlin der von Verónica Stedile Luna und Jan Knobloch organisierte Workshop “‘Mirar de frente a la frivolidad’. César Aira y el arte”, („‚Der Frivolität ins Auge sehen‘. César Aira und die Kunst“) statt. Das Treffen brachte Schriftsteller*innen und Expert*innen für das Werk des argentinischen Autors zusammen, das zu den produktivsten und einzigartigsten der zeitgenössischen hispanoamerikanischen Literatur zählt, um einer zentralen Frage nachzugehen: Inwieweit erfordert die Beschäftigung mit seiner Erzählweise eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit seiner Auffassung von Kunst? Im Falle von Cesar Aira ist dies mehr als nur eine Vermutung. Nicht nur ist sein Werk voller Beschreibungen von Kunstwerken oder Künstlern wie Johan Moritz Rugendas, Cecil Taylor, Marcel Duchamp, Pablo Picasso, John Cage oder Leonardo da Vinci. Die Kunst bildet auch seinen wichtigsten theoretischen und metapoetischen Bezugspunkt. Selbst die Art und Weise, wie er die Erzählung aufbaut – was Aira als „Flucht nach vorn“ bezeichnet –, basiert auf der Anspielung auf die Duchamp’sche Spirale, das Ready-made oder den surrealistischen Unsinn.
Das Programm gliederte sich in drei Panels. Das erste, „Saltos“ betitelt, befasste sich mit den Beziehungen zwischen Kunst und Zeit in der Erzählkunst Airas (Sandra Contreras) sowie mit der Möglichkeit, sein Schreiben als transmediale Figuration zu lesen (Jan Knobloch). Das zweite Panel, „La vida nueva“, („Das neue Leben“) vereinte Überlegungen zur Frivolität und zur Rolle der Anekdote bei der Konstruktion der Figur des Schriftstellers (Timo Berger), gefolgt von einer Untersuchung darüber, wie Airas Veröffentlichungen beim Verlag Mansalva Editorial seine Art des Schreiben durch die Kunst der Buchumschläge fortsetzen (Verónica Stedile Luna). Das dritte Panel, “Ecologías de la imagen”, („Ökologien des Bildes“), moderiert von Fernando Degiovanni, untersuchte die Schnittstellen zwischen Bild und Natur in Airas Werk und widmete dabei sowohl der Frage Aufmerksamkeit, wie sich sein gespenstisches Bestiarium auch in Anspielungen auf die Kunstgeschichte konstituiert (Jörg Dünne), als auch der Logik des Übermaßes und dem Mangel an eco-afectividad in seiner Erzählung (Alejandra Laera).
Der Autor als Künstler
Den Abschluss bildete ein besonderer Beitrag des argentinischen Schriftstellers Alan Pauls, durch dessen essayistisches Werk sich auf bemerkenswerte Weise die Präsenz von César Aira als Gegenstand des Interesses wie auch als Gesprächspartner zieht, von der Textsammlung Temas Lentos (2012) bis hin zu Alguien que canta en la habitación de al lado (2025), in der sich ein Gespräch zwischen den beiden Schriftstellern findet. In seinem Vortrag, der im Simón-Bolívar-Saal des IAI stattfand, ging Pauls von dem polemischen Einstieg aus, den César Aira in den 1980er Jahren in der argentinischen Literaturszene vollzog, um darzulegen, wie der spätere Verzicht auf Polemik auch eine Art der Hinwendung zur Kunst bedeutete. In Anbetracht der Tatsache, dass Aira als erster argentinischer Schriftsteller gilt, der sich in erster Linie als Künstler versteht – und für den das Schreiben nur ein besonderer, nicht unbedingt vorrangiger Zweig der künstlerischen Tätigkeit ist –, bot Pauls die Perspektive eines Schriftstellers, der seinen Zeitgenossen liest und kommentiert. Dabei ging es nicht nur um Airas Werk, sondern auch um Pauls selbst, der dem Publikum seine eigene Lesart, seine Interessen und seinen literarischen Geschmack nahebrachte. Wie in der anschließenden ausführlichen Diskussion deutlich wurde, ist Aira für Pauls eine unvermeidbare Figur, zu der man Stellung beziehen muss. Auf unnachahmliche Weise hat sein Einfluss die argentinische Literaturlandschaft wie ein Magnet neu geprägt.
Der Workshop zeigte, dass für César Aira die Kunst ein mächtiger Filter ist, durch den seine literarische Konzeption und Praxis betrachtet werden müssen. Sie ist ein Repertoire an Erzählverfahren, ein Thema der Reflexion, eine Perspektive, aus der heraus die Literaturgeschichte zu lesen ist, und ein Teil der persönlichen Mythen, die die Figur des Autors ausmachen. Es ist zu hoffen, dass die Ergebnisse des Workshops, sobald sie veröffentlicht sind, einen nachhaltigen Einfluss auf die Interpretation von Airas Werk haben werden.