Direkt zum Inhalt


Bibliothekskongress BiblioCon 2026: Internationale Perspektiven auf Bibliotheken und Demokratie

Auf der 114. BiblioCon  diskutierten internationale Verbandsvertreter*innen Strategien für freien Zugang zu Wissen und die Rolle von Bibliotheken in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen.

, Nachricht

Internationale Perspektiven und strategische Ansätze

An der Diskussion nahmen führende Vertreter*innen internationaler Bibliotheksverbände teil: Sharon Memis (Secretary General, IFLA), Erna Winters (President, EBLIDA), Alexander Hasgall (Executive Director, LIBER) sowie Antje Theise (Bundesvorsitzende, Deutscher Bibliotheksverband – dbv). 

Mit Christoph Müller war zugleich ein Vertreter des IAI beteiligt, der aktiv in internationalen bibliothekarischen Fachgremien engagiert ist. Seit Anfang 2026 ist er stellvertretender Vorsitzender des deutschen Nationalkomitees der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) und verantwortet in seiner Funktion im Vorstand des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VDB) insbesondere internationale Belange. In dieser Rolle bringt er Erfahrungen aus der internationalen bibliothekspolitischen Zusammenarbeit direkt in den fachlichen Austausch ein und stärkt die Sichtbarkeit des IAI im globalen Bibliotheksdiskurs.

Im Mittelpunkt des Panels stand die Frage, welche Rolle Bibliotheken in einer sich wandelnden politischen und gesellschaftlichen Landschaft einnehmen. Diskutiert wurden insbesondere Strategien zur Sicherung des freien Zugangs zu Informationen, zur Stärkung demokratischer Strukturen und zum Umgang mit zunehmendem politischem Druck sowie Desinformation.

Bibliotheken als Infrastrukturen der Demokratie

Ein zentrales Leitmotiv der Diskussion war die Rolle von Bibliotheken als grundlegende Infrastrukturen für demokratische Gesellschaften. Mehrere Beiträge hoben hervor, dass Bibliotheken als nicht-kommerzielle Räume einen offenen Zugang zu Wissen ermöglichen und damit aktiv zur gesellschaftlichen Teilhabe beitragen.

Sharon Memis betonte die Verantwortung von Bibliotheken auf globaler Ebene und verwies auf ihre Bedeutung als Orte der Vielfalt, der Inklusion und des freien Zugangs zu Information. In diesem Zusammenhang wurde auch die Notwendigkeit unterstrichen, Bibliotheken als resiliente Institutionen zu stärken und in ihre Zukunftsfähigkeit zu investieren.
Christoph Müller griff diese Perspektiven auf und verwies auf drei im Rahmen der SPK-/ IAI Strategie 2030 verankerte Leitbegriffe – Resilience, Relevance und Reliability –, die als zentrale Voraussetzungen für die gesellschaftliche Wirksamkeit von Bibliotheksarbeit gelten.

Umgang mit politischen Herausforderungen und Desinformation

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit politischen Einflussversuchen, Zensur und wachsendem Druck auf bibliothekarische Einrichtungen. Diskutiert wurde, wie Bibliotheken ihre Rolle als offene Plattformen bewahren können und gleichzeitig mit diskriminierenden oder antidemokratischen Inhalten umgehen.

Erna Winters hob hervor, dass Bibliotheken Räume schaffen können, in denen unterschiedliche Perspektiven nicht gegeneinander ausgespielt, sondern nebeneinander sichtbar gemacht werden. Diese Fähigkeit, Dialog zu ermöglichen und Verständigung zu fördern, wurde als wesentliche Stärke von Bibliotheken für die demokratische Resilienz verstanden.

Globale Zusammenarbeit und neue Herausforderungen

Die Diskussion machte deutlich, dass viele der aktuellen Herausforderungen – etwa der Umgang mit Desinformation, die Rolle von Künstlicher Intelligenz oder Fragen der Nachhaltigkeit – nur in internationaler Zusammenarbeit bewältigt werden können.

Alexander Hasgall verwies in diesem Zusammenhang auf die wachsende Bedeutung neuer Technologien, während zugleich globale Kooperationen und geteilte Standards für den Zugang zu Wissen an Bedeutung gewinnen.

Auch die Perspektive aus Deutschland wurde eingebracht: Antje Theise betonte die Rolle von Bibliotheken für die Zivilgesellschaft und verwies auf Projekte zur Demokratieförderung, etwa im Bereich der Bildungs- und Schulbibliotheken.

Kulturelles Erbe, koloniale Kontexte und Zugang

Ein weiterer Teil der Diskussion betraf den Umgang mit kulturell sensiblen Materialien und Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Hier wurde hervorgehoben, dass Bibliotheken zunehmend vor der Aufgabe stehen, Zugänge zu historischen Beständen mit Sensibilität und unter Einbeziehung der Herkunftsgesellschaften zu gestalten.
Bereits bestehende Leitlinien und internationale Empfehlungen bieten hierfür Orientierung. Gleichzeitig wurde betont, dass diese Prozesse eng mit Fragen von Transparenz, Teilhabe und Machtverhältnissen im globalen Wissenssystem verbunden sind.

Relevanz für das IAI

Die diskutierten Themen haben eine besondere Bedeutung für das IAI. Als Einrichtung mit umfangreichen Beständen zu Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal ist das Institut intensiv mit Fragen des Zugangs zu kulturellem Erbe sowie mit dem Umgang mit kulturell sensiblen Materialien – insbesondere aus indigenen Kontexten – befasst.
Dabei gewinnen Ansätze an Bedeutung, die über klassische Perspektiven auf koloniale Sammlungskontexte hinausgehen und verstärkt auf partizipative, kontextsensible und verantwortungsvolle Zugangsstrategien abzielen. Internationale Leitlinien – etwa im Sinne der CARE-Prinzipien (Collective Benefit, Authority to Control, Responsibility, Ethics) – unterstreichen die Notwendigkeit, Herkunftsgesellschaften aktiv einzubeziehen und unterschiedliche Wissenssysteme anzuerkennen.

Diese Perspektiven sind für die Arbeit des IAI zentral und spiegeln sich sowohl in der Erschließung und Digitalisierung von Beständen als auch in internationalen Kooperationen und Dialogformaten wider. Das Institut versteht sich dabei als Brückeninstitution, die zur Reflexion globaler Wissensasymmetrien beiträgt und einen sensiblen, inklusiven Zugang zu kulturellem Erbe fördert.