Ibero-Amerikanisches Institut
Preussischer Kulturbesitz


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Laufende Projekte

PROJEKTE IM RAHMEN DER FORSCHUNGSLINIE

Kolonialzeitliche Sprachmaterialien aus Mesoamerika im Bestand des IAI

Umfangreiche Materialien zu mesoamerikanischen Sprachen gelangten vor allem durch die Sammelaktivitäten von Walter Lehmann (1878-1939) und Eduard Seler (1849-1922) in das Ibero-Amerikanische Institut nach Berlin. Darunter befinden sich verschiedene bislang unedierte kolonialzeitliche Wörterbücher und doktrinale Texte, sowohl Originale als auch Abschriften von Manuskripten, von denen nur die Abschrift im IAI zugänglich ist. Vor allem im Nachlass Walter Lehmanns sind noch interessante Entdeckungen zu vermuten, wie das Manuskript der Arte y vocabulario del idioma Huasteco von Seberino Bernardo de Quirós aus dem Jahr 1711 zeigt. Dessen Existenz ist zwar lange bekannt gewesen, es galt aber seit dem frühen 20. Jahrhundert als verschollen, und wurde im IAI wiederentdeckt und 2013 als Buch veröffentlicht.

Dieses Projekt will die Wörterbücher und Texte des IAI zu den kolonialzeitlichen indigenen Sprachen des Hochlands von Guatemala K’iche’ und Kaqchikel schrittweise aufarbeiten. Es ist Teil eines größer angelegten Projekts zur Lexikographie dieser Sprachen von Frauke Sachse (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) und Michael Dürr (Freie Universität Berlin) und fügt sich auch in die internationale Kooperation mit anderen Forschern ein, die über diese Sprachen arbeiten. Die lexikographische Arbeit ist dabei in das Forschungsfeld der Missionarslinguistik eingebettet und will einen Beitrag zum besseren Verständnis der Prozesse der kolonialen Wissensproduktion und des Transfers kultureller Konzepte durch missionarische Sprachplanung leisten.

Die Dokumente werden digitalisiert und in die Digitalen Sammlungen des IAI aufgenommen. In einem zweiten Schritt werden sie in philologisch sorgfältigen Editionen in Buch- oder Artikelform der Forschung erstmals zugänglich gemacht. 2017 ist mit dem Band „Diccionario K’iche’ de Berlín. Primera edición
del Vocabulario en lengua 4iche otlatecas
“ (eds. Michael Dürr / Frauke Sachse) eines der wichtigsten kolonialzeitlichen Wörterbüchern für das K’iche’ als erste Publikation des Projekts erschienen. Weitere Editionen von Wörterbüchern und doktrinalen Texten werden folgen.


Dr. Michael Dürr; Dr. Frauke Sachse.
Koordination am IAI: Dr. Ulrike Mühlschlegel; Dr. Iken Paap.

Laufzeit: Phase 1:2015-2018; Phase 2: 2019-2022

Lateinamerikanische Kulturkritik

Die Geschichte der lateinamerikanischen Kulturkritik beginnt mit der Unabhängigkeit der meisten Nationalstaaten des Kontinents zu Beginn des 19. Jh. Aufgrund der postkolonialen Situation befasst sie sich mit der Definition nationaler Identitäten in den postkolonialen Gesellschaften und dem Ziel, entsprechend dem ideologischen Projekt der kreolischen Gelehrten, sowohl die soziale als auch kulturelle Moderne (Modernisierung – Modernität) durchzusetzen. Wegen der außerordentlichen Bedeutung der ciudad letrada in der Kolonialzeit spielen von Anfang an Literaten eine herausragende Rolle in diesem Prozess. Bis Ende der 1970er Jahre wird der überwiegende Teil der Kulturkritik aus einer literarischen Perspektive heraus formuliert. Ein erhebliches Problem der Geschichte der lateinamerikanischen Kulturkritik besteht in der Entfaltung von binären Konzepten, welche die Theorien zu den lateinamerikanischen Kultur(en) bestimmen: Universalismus versus Regionalismus, Hispanoamerikanismus/Lateinamerikanismus versus Universalismus, Moderne versus Tradition, das Indigene/Autochthone versus Moderne/Okzidentale, Land versus Stadt etc. Erst in den 1980er Jahren wendet sich die Kulturkritik anderen Medien und künstlerischen Repräsentationen zu (Populärkultur, Kunsthandwerk, Kino und generell Massenmedien). Mit der Auto-Repräsentation neuer sozialer Gruppen verringert sich die soziale und kulturelle Rolle der Gelehrten stetig, und sie repräsentieren fortan nicht mehr die „Anderen“. Globalisierung, Migration, Nomadismus, transnationale Gemeinschaften, strategische Identitäten und migrierende Subjekte sowie Deterritorialisierung konfrontieren uns mit der Notwendigkeit, die lateinamerikanische Kulturkritik zu überdenken, konzeptionell zu überarbeiten und zugleich historisch einzuordnen sowie Möglichkeiten zu ergründen, sie zu demokratisieren, ohne sie aufzugeben.

Projektkoordination: Dr. Friedhelm Schmidt-Welle. Laufzeit: 2017 – 2020.

Räume verbinden: Deutschsprachige Akademiker, Fachleute und Aktivisten im Süden Lateinamerikas (19. bis 20. Jahrhundert)

Prozesse der Formierung und Umgestaltung von Wissensfeldern und Handlungssphären unterliegen einer zweifachen Logik: Sie resultieren einerseits aus spezifischen Konstellationen lokaler bzw. nationaler Faktoren, andererseits stehen sie in Verbindung zu globalen Entwicklungen und reflektieren transregionale Transferprozesse. Von dieser Beobachtung ausgehend werden im Projekt die Aktivitäten deutschsprachiger Migranten untersucht, die in Argentinien, Chile und Uruguay im 19. und 20. Jahrhundert tätig waren. Es handelt sich um eine zahlenmäßig kleine Gruppe von Personen, die jedoch eine aktive Rolle im Hinblick auf die zwei genannten Dimensionen spielte. Um dies zu zeigen, werden die Lebenswege unterschiedlicher Akteure, wie zum Beispiel Wissenschaftler, Militärberater, Ingenieure, Techniker, politische Aktivisten und Unternehmer, analysiert. Im Fokus der Untersuchung stehen folgende Aspekte: Erstens der Kontext und die Bedingungen ihrer Ankunft und Niederlassung in den drei südamerikanischen Ländern; zweitens ihr beruflicher Werdegang und ihr öffentliches Auftreten; und drittens ‚subjektive‘ Faktoren (Ressourcen, Motivation, Interessen, Selbstverständnis), die ihre Lebenswege kennzeichnen. Diese Akteure –- so die zugrundeliegende Hypothese – überquerten nicht lediglich nationalstaatliche Grenzen, sondern vor allem die Grenzen zwischen verschiedenen Handlungssphären sowie Wissensfeldern und schufen dadurch vielfältige Verbindungen zwischen Räumen, die als vermeintlich differenziert gelten.

Koordination: Dr. Sandra Carreras; Laufzeit: 2016-2022

Vom Feld zur Wissensmetropole

Das Projekt untersucht den Prozess der Wissenszirkulation zwischen dem Feld als spezifischen Raum der Wissensproduktion und der Wissensmetropole Berlin als einem historisch etablierten Zentrum der Produktion, des Austausches und der Archivierung von Wissen aus außereuropäischen Regionen. Anhand von historischen und rezenten Feldforschungsmaterialien sollen folgende Themen untersucht werden: Was sind die Objekte und Medien des Feldes, im Sinne der materiellen Hinterlassenschaften des holistischen Erkenntnisprozesses im Feld? Wie zirkulieren Personen, Objekte, Medien und Wissen zwischen dem Feld und der Metropole Berlin? Wie werden die Objekte und Medien aus dem Feld in Berlin re-kontextualisiert und neu organisiert; d.h. zwischen unterschiedlichen Wissensarchiven aufgeteilt (z.B. IAI, Ethnologisches Museum, Naturhistorisches Museum, Medizinhistorisches Museum)? Neben historischen Analysen, die sich auf die erste Hälfte des 20 Jh. konzentrieren, soll im Projekt auch auf die Rolle der Wissenszirkulation für die Wissensarchive heute eingegangen werden. So sollen die Auswirkungen neuer Wissensformen und neuer Wege des Wissens, anders strukturierte Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie für die Wissensarchive heute untersucht werden. Dieses Projekt reiht sich in den Excelllencecluster "Bild Wissen Gestaltung. Ein interdisziplinäres Labor" der Humboldt Universität zu Berlin ein, in dem ich auch an weiteren Projekten beteiligt bin.

Koordination: Dr. Barbara Göbel

PROJEKTE AUSSERHALB DER FORSCHUNGSLINIE

Außenpolitiken und Regionalismus in Lateinamerika

Das Projekt geht der Frage nach, wie zwischenstaatliche regionale Kooperations- und Integrationsprozesse in Lateinamerika durch die außenpolitischen Strategien der beteiligten Länder beeinflusst werden, welche Möglichkeiten und welche Grenzen sich dadurch für den lateinamerikanischen Regionalismus ergeben. In vergleichender Perspektive analysiert werden die Strategien Argentiniens, Brasiliens, Chiles, Kolumbiens, Mexikos und Venezuelas.

Bearbeiter: Dr. Peter Birle; Laufzeit: 2019-2022

Literarische Repräsentation von Erinnerung: Juan Rulfo und Julio Llamazares

„Erinnerung“ ist in den letzten 25 Jahren zu einem Querschnittsthema der Kulturwissenschaften, aber auch der Medizin, der Biologie und der klinischen Psychologie avanciert. Letztere werden meist unter dem Begriff Hirnforschung zusammengefasst. Diese hat die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns zum Gegenstand, wobei sie in erster Linie von der Analyse von Hirnkrankheiten ausgeht, also wie immer gearteten Einschränkungen der Erinnerungsfähigkeit des Individuums bis zum völligen oder zeitweisen Verlust des autobiografischen (episodischen) Gedächtnisses. Zeitgleich wurde aus den Kulturwissenschaften heraus die Erforschung der kollektiven bzw. kulturellen Erinnerung vorangetrieben. Wie in der empirischen Hirnforschung geht man auch hier inzwischen vom (Re-)Konstruktionscharakter jeglicher episodischer Erinnerung aus. Im spanischsprachigen Raum prägen bislang Studien zur postdiktatorialen Memoria die kulturwissenschaftliche Erinnerungsforschung. Erinnerung wird in erster Linie im Kontext von historischen Traumata untersucht. Demgegenüber geht es in dem interdisziplinär angelegten Forschungsprojekt um die Untersuchung literarischer Repräsentation individueller wie kollektiver Erinnerung im Anschluss an die Erkenntnisse der Hirnforschung und der Kulturwissenschaften sowie um eine kritische Betrachtung der Konstruktion und Funktionalisierung von Vergangenheit. In einer ersten, dreijährigen Projektphase ist ein Vergleich der Repräsentation von Erinnerung in der Prosa des Mexikaners Juan Rulfo und des Spaniers Julio Llamazares geplant. Erinnerung bildet in den Texten beider Autoren ein zentrales Motiv sowie Stimulanz des Erzählprozesses. Ziel ist es, die Einschreibung der literarischen Erinnerung in die kollektive Erinnerung und ihre gleichzeitige Abgrenzung von der offiziellen Erinnerung, wie sie sich in Jahrestagen, Monumenten, Geschichtsschreibung etc. manifestiert, zu analysieren. 2012 ist der interdisziplinäre Sammelband "Culturas de la memoria. Teoría, historia y praxis simbólica" erschienen.

Koordination: Dr. Friedhelm Schmidt-Welle; Laufzeit: 2011 – 2017

Sozio-ökologische Ungleichheiten in Lateinamerika

Im Rahmen der neuen Förderlinie "Stärkung und Weiterentwicklung der Regionalstudien (area studies)" fördert das BMBF das Kompetenznetz "Interdependente Ungleichheitsforschung in Lateinamerika – desiguAldades.net". Ziel des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerkes, deren Sprecher Dr. Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut) sowie Prof. Dr. Marianne Braig und Prof. Dr. Sérgio Costa (Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin) sind, ist die Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika, die durch wachsende globale Verflechtungen geprägt sind. Eine der vier Forschungsdimensionen des Netzwerkes sind sozio-ökologische Ungleichheiten. Sie wird von Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut) und Dr. Imme Scholz (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn) koordiniert. Im Zentrum des Interesses stehen Umweltkonflikte, der ungleiche Zugang zu natürlichen Ressourcen sowie die ungleiche Verteilung von Umweltkosten und Umweltrisiken. Darüber hinaus werden Wissensassymmetrien untersucht. Zwei thematische Schwerpunkte sind die transregionalen Verflechtungen und lokalen sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen des Agrobusiness (z.B. Sojaanbau, Forstwirtschaft) und des Bergbaus. Im Rahmen dieses Schwerpunktes führt Barbara Göbel das Teilprojekt "Transnationaler Bergbau und sozio-ökologische Ungleichheiten: Lithium Abbau in der Puna de Atacama" durch.

Koordination: Dr. Barbara Göbel; Laufzeit 2009 - 2013

Umwelt, Weltbild und Ressourcennutzung im Andenhochland Nordwest-Argentiniens

Im Zentrum des Projektes steht die Frage, wie ökonomische Strategien durch kulturspezifische Umweltwahrnehmung, religiöse Vorstellungen und soziale Interaktionen mitbestimmt werden. Es soll auf diese Weise ein Beitrag geliefert werden für eine präzisere Erfassung der komplexen Zusammenhänge zwischen Interesse, Wissen (Einstellungen, Risikowahrnehmung, Informationen, Konventionen) und Handeln. Ein interkultureller Vergleich der Umweltkonzeptualisierungen und Risikovorstellungen von indigenen Hochlandbewohnern und Vertretern staatlicher, kirchlicher und politischer Organisationen ermöglicht darüber hinaus genauer zu erfassen, wie sich Umweltwissen in multiplen kulturellen Interaktionszusammenhängen und unterschiedlichen Machtkonstellationen verändert. Das Projekt basiert auf mehreren ethnographischen Feldforschungen in Nordwest-Argentiniens und Nord-Chile und umfassender Archivarbeit in Argentinien, Chile und Bolivien. Eine Monographie ist in Vorbereitung.

Koordination: Dr. Barbara Göbel



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