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Interview mit María Barrea - Pionierin des andinen feministischen Kinos

In Anwesenheit der Regisseurin María Barea zeigte das Ibero-Amerikanische Institut am 29. Mai 2026 ihren Film Antuca aus dem Jahr 1992. Mit Gudula Meinzolt unterhielt sich die Regisseurin, Produzentin und Pionierin des andinen feministischen Films vor der Veranstaltung darüber, welchen Einfluss die Begegnungen mit Frauen, die in der Bewegung von Hausangestellten aktiv waren, auf ihr Werk hatten, über feminstisches Kino in der Andenregion und über die heutigen Reaktionen von jungen Menschen auf ihren Film.

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María Barea – eine Einleitung von Gudula Meinzolt

Wer sich mit Filmgeschichte auseinandersetzt, stößt häufig auf männlich geprägte Erzählungen, auch im lateinamerikanischen Kino. Eine der bedeutendsten Ausnahmen ist die peruanische Regisseruin und Produzentin María Barea, die als Pionierin des andinen feministischen Films gilt. Seit den 1970er Jahren konzentriert sich Barea in ihrem Werk auf Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Raum haben. Als Mitbegürnderin des Grupo Chaski und des Frauenfilmkollektivs Warmi, Cine y Video prägte sie die Entwicklung des Independent-Kinos ihres Landes.

Ihre Filme – darunter ihr erster Spielfilm Antuca (1992) und der Dokumentarfilm Mujeres del Planeta (1982)  – verbinden fiktive Elemente mit dokumentarischer Recherche. Die Lebensrealitäten indigener Frauen und das Engagement sozialer Bewegungen werden in ihren Filmen sichtbar. Derzeit erfreut sich das Werk dieser Filmemacherin einer neuen internationalen Rezeption. Anlässlich der Vorführungen ihrer restaurierten Filme an verschiedenen Orten der Welt, setzt sich Barea weiterhin öffentlich für die Rechte der Frauen ein

Im folgenden Interview spricht María Barea über kollektive Arbeitsprozesse und die anhaltende Aktualität ihrer Werke.

Eine lächelnde Person
María Barea © Ibero-Amerikanisches Institut

Antuca - alles begann mit einem Dokumentarfilm

Filmszene: Eine Person schneidet einer anderen Person ihre langen Zöpfe ab
ANTUCA María Barea y Warmi Cine y Video, Peru 1992 © María Barea y Warmi Cine y Video

Gudula Meinzolt: Ich möchte Dich ein paar Dinge zu Deinem Spielfilm Antuca fragen: Wie fing alles an? Mit wem hast Du den Film gemacht? Der Film ist von 1992, hat aber jetzt neuen Aufschwung, ja, neues Leben bekommen nach so vielen, fast 30 Jahren; darüber möchten ich auch mit Dir sprechen.

María Barea: Also, man könnte sagen, dass dieses Projekt 1980 angefangen hat, als ich für die Produktion eines Dokumentarfilms in El Planeta, einem der auch Neue Siedlungen genannten Armenviertel Limas recherchiert habe. Der Plan war die Initiativen von engagierten Frauen zu zeigen, die sich für das Durchkommen ihrer Familien und ihre Grundrechte eingesetzt haben.

In El Planeta habe ich viele Frauen kennengelernt, fast alle aus den Anden, vom Land stammende Quechuasprecherinnen, die für eine Arbeit als Hausangestellte in die Stadt gekommen waren, mit dem Wunsch zu lernen, obwohl die meisten von ihnen Analphabetinnen waren oder Probleme beim Lesen und Schreiben hatten. Die Erfahrungsberichte, die ich im Laufe meiner Recherche sammeln konnte, haben mich sehr bewegt. Die Geschichte war immer diegleiche, nur mit kleinen Nuancen: dieselben Misshandlungen, dasselbe Leid. Es waren Hunderttausende Frauen, auch Mädchen und Jugendliche, die unter Bedingungen lebten, die in Teilen Sklaverei glichen, und dies wurde quasi als normal angesehen. Da dachte ich mir, dass ist das Thema, mit dem ich mich für einen späteren Film weiter auseinandersetzen werde.

Gründung von Warmi Cine y Video

Mit anderen Projekten beschäftigt, vergingen mehrere Jahre, aber das Thema der Hausangestellten habe ich nicht aus den Augen verloren. 1988 haben dann wir mit anderen in der Filmbranche tätigen Frauen das Filmkollektiv Warmi Cine y Video gegründet. Unser Ziel war es, Filme zu produzieren und zu vertreiben, die die problematische Situation von Frauen thematisieren. Ich stand schon seit längerer Zeit in Kontakt und freundschaftlicher Verbindung mit den Verantwortlichen der Asociación de Trabajadoras de Hogardes (des Verbandes der Hausangestellten); dort lernte ich auch Vittoria Savio kennen, eine italienische Freiwillige, Mathematiklehrerin und eine sehr charismatische Frau, die großes Mitgefühl für das Schicksal vieler dieser Mädchen empfand, die für die peruanische Gesellschaft unsichtbar waren. Sie gehörte zu denjenigen, die sich am meisten für das Projekt begeisterten; sie spornte mich an und unterstützte uns auch dabei, einige Mittel zu beschaffen.

Die Dokumentation Porque quería estudiar (Weil ich lernen wollte)

Zunächst haben wir mit Mädchen, die in dem Verband organisiert waren, Erfahrungsberichte auf Video aufgenommen; eigentlich schon als Casting mit dem Gedanken an einen Spielfilm für ein großes Publikum. Doch diese Erfahrungsberichte waren so eindringlich, dass im Gespräch mit Vittoria die Idee entstand, sie anderen Mädchen vorzuführen, die Abendschulen besuchten und praktisch in Gefangenschaft lebten – mit dem Ziel, sie zu motivieren, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, ihre Angst zu überwinden und ihnen so unter die Arme zu greifen. Und so kam es auch: Die Mädchen begannen, sich zu öffnen und von ihren Erlebnissen zu erzählen; meist gab es eine psychische Abhängigkeit, die es ihnen nicht erlaubte, dieser Welt zu entkommen. Schließlich haben wir aus diesem Material die Video-Dokumentation „Porque quería estudiar“ (Weil ich lernen wollte) gedreht und haben so sehr viel Material als Grundlage und auch etwas mehr Mittel von europäischen Institutionen für die Produktion von Antuca bekommen.

“Hauptdarstellerinnen, die sich zum großen Teil selbst gespielt haben”

Das war sozusagen die erste Phase. Ich habe immer gedacht, dass es ideal wäre, einen Film zu drehen, der die Geschichten und Erlebnisse einer Hausangestellten in realer Weise nachzeichnet – mit einer Erzählweise, die sich von dem unterscheidet, was wir gewohnt waren –, sodass er in den Kinos laufen könnte, als das Kino noch ein Massenmedium war. Also haben wir den Film so gedreht, dass wir innerhalb eines streng dokumentarischen Rahmens das Leben einer Hausangestellten nachstellten – anhand der Geschichte unserer Figur, die wir Antuca nannten.

Gudula Meinzolt: Die Idee, fiktionale Elemente einzubauen, entstand also, weil du den Film ins Kino bringen wolltest? Damit die Leute ihn sich ansehen – was bei Dokumentarfilmen nicht der Fall war?

María Barea: Ja, das war unser erklärtes Ziel, die peruanische Gesellschaft ein wenig für das Drama zu sensibilisieren, das diese jungen Frauen durchlebten.

“Ein Film, der reale Geschichten und Erlebnisse von Hausangestellten nachzeichnet”

Gudula Meinzolt: Und war dir immer klar, was du wolltest? Auch was die Laiendarstellerinnen betrifft, wie im Fall der Hauptdarstellerin Graciela Huayua, die praktisch einige ihrer eigenen Erlebnisse nachspielt? War es von vornherein die Idee, diese authentischen Darstellerinnen auf irgendeine Weise einzubeziehen?

María Barea: Anfangs haben wir die Möglichkeit in Betracht gezogen, mit einer Schauspielerin zu arbeiten, aber …  als wir die Erfahrungsberichte gesammelt haben, haben wir eigentlich ein Casting gemacht, denn da wurde uns klar, dass es junge Frauen gab, die über die schauspielerischen Qualitäten und das Talent verfügten, um die Figur darzustellen. Und was könnte besser sein als eine junge Frau, die genau diese Erfahrungen gemacht hatte? Deshalb haben wir uns entschieden, mit echten Hausangestellten zu arbeiten.

Ich hatte bereits an Filmproduktionen mitgewirkt, bei denen mit Laiendarstellern gearbeitet wurde, wie El enemigo principal von Jorge Sanjines, Los Perros Hambrientos und Yawar Fiesta von Luis Figueroa und auch Gregorio von Grupo Chaski – also Filme, in denen die Figuren größtenteils sich selbst darstellten, deshalb hatte ich bereits gewisse Erfahrung; so wurden beispielsweise die Dialoge vorgeschlagen – der Text wurde nicht vorgegeben, sondern man unterhielt sich vielmehr über die Situation, die sie nachstellen sollten. Es gab weder viel Zeit noch finanzielle Mittel, um sie vorzubereiten.

Filmszene: eine Person mit traurigem Blick
ANTUCA María Barea and Warmi Cine y Video, Peru 1992 © María Barea and Warmi Cine y Video

“Was Film angeht, bin ich Autodidaktin”

Zwei Personen auf einer Bühne
Veranstaltung mit María Barea und Gudula Meinzolt am 29.05.2026 im IAI © Ibero-Amerikanisches Institut

Gudula Meinzolt: Wie war es für dich, zum ersten Mal bei einem Spielfilm Regie zu führen? Du hattest zwar bereits mehrere Dokumentarfilme gedreht, wie „Porque quería estudiar“ und „Mujeres de ‚El Planeta‘“, aber die Anforderungen an eine fiktive Geschichte an einen Spielfilm in Spielfilmlänge, sind doch ganz andere.

María Barea: Was Film angeht, kann ich sagen, dass ich zu hundert Prozent Autodidaktin bin, aber ich habe eine Grundausbildung in Schauspielkunst absolviert. Das hat mir geholfen, mit den wenigen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, Regie zu führen. Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt – oder umfangen, wie man in Spanien sagen könnte –, in dem Sinne, dass ich von meinem Team unterstützt wurde. Wir waren fast alle Frauen, da fühlte ich mich viel sicherer. Wie gesagt, es war auch eine sehr schöne, sehr entspannte Arbeitserfahrung; alle haben ihr Bestes gegeben, und ich fühlte mich gut unterstützt.

Premiere in Berlin

Gudula Meinzolt: Und wie ging es mit “Antuca” weiter?

María Barea: Tatsächlich haben wir den Film 1992 in Berlin im Rahmen einer Filmreihe lateinamerikanischer Filmemacherinnen mit dem Verein „Die Blickpilotin“ [auf Initiative von Gudula Meinzolt] uraufgeführt. Im selben Jahr 1992 ging Antuca im Rahmen dieser Filmreihe mit Werken lateinamerikanischer Filmemacherinnen auf Tournee durch verschiedene Städte in Deutschland. In jenem Jahr war Antuca auch auf mehreren internationalen Festivals zu sehen, darunter in Créteil, Huelva und Madrid. 

In Peru mussten wir uns damit abfinden, den Film über alternative Kanäle zu vertreiben; nur in zwei Städten wurde er in Kinos gezeigt: in Cajamarca, wo der Film gedreht wurde, und auch in Andahuaylas. In Lima feierte er im Goethe-Institut Premiere und wurde landesweit auf Video über verschiedene Institutionen verbreitet. Auch in Europa wurde er über alternative Kanäle vertrieben, in Belgien und in Italien.

Restaurierung und Wiederaufführung

Gudula Meinzolt:  Und tatsächlich kam der Film vor einigen Jahren wieder auf die Leinwand und wird seitdem wieder gezeigt – wie siehst Du es von heute aus?

María Barea: Im Jahr 2015 stellte ein Freund den Film auf YouTube ein. Daraufhin hat eine Gruppe wunderbarer Menschen eine Initiative ins Leben gerufen , die sich dafür einsetzte, unsere Filme zu retten. Zu ihnen gehörten Isabel Segui, Wissenschaftlerin und Historikerin an der University St. Andrews in Schottland, Lorena Best und Julio Gonzales, ebenfalls Wissenschaftler*innen und akademische Archivar*innen aus Peru, sowie Kauri Ximon Jauregui, ein Restaurator, der sich leidenschaftlich für die Erhaltung des filmischen Erbes der Menschheit einsetzt und von der Elías Querejeta Zine Eskola in San Sebastián unterstützt wird. Mit ihrer Hilfe gelang die Digitalisierung anhand der einzigen 16-mm-Kopie, die wir noch besaßen, nach einer sorgfältigen Reinigung und Restaurierung. Dadurch ist Antuca nun in Peru und auch in anderen lateinamerikanischen Ländern , in Europa und Nordamerika viel verbreiteter als zuvor.

Es gibt Aspekte der Geschichte, die es heute nicht mehr in derselben Weise gibt; der zentrale Aspekt jedoch – sagen wir, das, was am meisten berührt – ist das Emotionale: die Entwurzelung, unter der Millionen von Vertriebenen auf der ganzen Welt gelitten haben und leiden, mit allem, was dies mit sich bringt.  Deshalb kommt der Film in verschiedenen europäischen Städten, in denen ich mit ihm zu Gast war, sehr gut an, denn in der heutigen Zeit, in der es so viele Migranten*innen gibt, ist dies ein sehr sensibles Thema. In Peru nehme ich einen anderen Blickwinkel wahr; es ist bewegend, wie viele junge Menschen mit andinen Wurzeln, die bereits eine Ausbildung absolviert haben, von Antuca berührt sind – von der Geschichte dessen, was ihre Mütter, Großmütter, kurz gesagt, der Großteil der Frauen in ihrer Familie erlebt hat.

María Barea wurde von Gudula Meinzolt, Produzentin bei Autentika Films Berlin, am 29. Mai 2026 im Ibero-Amerikanischen Institut (IAI) vor der öffentlichen Veranstaltung interviewt. Dies ist eine gekürzte und übersetzte Version des Interviews.

Drei Personen auf einer Bühne
Veranstaltung mit María Barea und Gudula Meinzolt im IAI am 29.05.2026 © Ibero-Amerikanisches Institut

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