Der Workshop der DFG-Forschungsgruppe „TransExil: Verhandlungen von Ästhetik und Gemeinschaft im postrevolutionären Mexiko“ (externer Link, öffnet neues Fenster) richtete den Fokus auf die mit Exilerfahrung einhergehenden zeitlichen und örtlichen Grenzüberschreitungen. Mit dem Begriff der „Translokalität“ wurde danach gefragt, wie transregionale Verortungen die kulturelle Produktion und Ästhetik bestimmen. Mit Blick auf „Transhistorizität“ wurden unterschiedliche Zeitkonzeptionen untersucht, die in Exilkonstellationen aufeinandertreffen, mit Brüchen des Selbst- und Welterlebens einhergehen und das Bewusstsein für das Gewordensein eigener kultureller Orientierungen schärfen.
Neue Formate
Um dem Workshop-Charakter gerecht zu werden und den Austausch zwischen der Forschungsgruppe und den teilnehmenden nationalen und internationalen Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen zu fördern, wurden neue Formate ausprobiert. Die einzelnen Sektionen waren als Diskussionspanels konzipiert. Statt klassischer Vorträge erhielten die Teilnehmenden der Panels vorab zentrale Fragen, auf die zunächst jede*r aus der spezifischen Forschungsperspektive einen Input beisteuerte. Daran anknüpfend erfolgte eine gemeinsame Diskussion.
Perspektiven auf Translokalität und Konstellationen von Transhistorizität
Am ersten Tag standen verschiedene Perspektiven auf Translokalität und Konstellationen von Transhistorizität im Mittelpunkt. Die Beiträge untersuchten unter anderem diasporische Zugehörigkeiten, transnationale Konstellationen in Kinozeitschriften, publizistische Netzwerke sowie ästhetische Transferprozesse zwischen Europa und Mexiko.
Einen zentralen Akzent setzte die Keynote Lecture von Prof. Mari Paz Balibrea (Birkbeck, University of London) mit dem Titel „Disruptive temporalities. Rethinking received knowledges through exile experiences and trajectories“. Sie thematisierte das Potenzial von Exilerfahrungen, etablierte Wissensordnungen und historische Zeitmodelle zu irritieren und neu zu perspektivieren. Damit wurde nach den epistemischen Konsequenzen von Mobilität und erzwungener Migration gefragt.
Archive als transhistorische Räume
Die Beiträge des zweiten Tages setzten sich mit Archiven, Zeitschriften und Verlage sowie materiellen und indigenen Wissensbeständen auseinander. Es wurde deutlich, wie Archive als transhistorische Räume und (Kultur-)Zeitschriften als Knotenpunkte translokaler Netzwerke fungieren. Ergänzend zu den Diskussionspanels, ermöglichten materialbezogene Panels die Auseinandersetzung mit konkreten Objekten und Überlieferungsformen. Begleitend zu dem jeweiligen Panel wurden Materialien des in Mexiko-Stadt gegründeten Taller de Gráfica Popular sowie des wissenschaftlichen und fotografischen Nachlasses von Teobert Maler (1842–1917) gezeigt, die am IAI aufbewahrt werden, aber auch Materialien des Instituts für Archäologie und Kulturanthropologie in Bonn.
Die zweite Keynote Lecture hielt Prof. Sergio Ugalde zum Thema „‚Translocalidad‘, a partir de estudios de caso en revistas y periódicos de la CDMX en los treinta y cuarenta“. Anhand von Zeitschriften und Zeitungen aus Mexiko-Stadt der 1930er- und 1940er-Jahren beleuchtete er die Bedeutung publizistischer Medien für die Herausbildung translokaler Netzwerke.
Surrealismus und transexilische Bezüge
Der abschließende Veranstaltungstag widmete sich dem Surrealismus und seinen transnationalen beziehungsweise transexilischen Bezügen zwischen Lima, Mexiko-Stadt und Paris. Im Fokus standen Zeitschriften, Künstlerbücher und die ästhetische Aneignung präkolumbischer Bildwelten.
Eine interdisziplinäre Perspektive auf Exilerfahrungen
Insgesamt eröffnete der Workshop eine interdisziplinäre Perspektive auf die mit Exilerfahrung einhergehenden räumlichen und zeitlichen Verschiebungen, Brüche und (ästhetischen) Neukonstitutionen. Die Verbindung von theoretischen Überlegungen, Fallstudien und materialbasierten Reflexionen hat gezeigt, dass Exil nicht allein als Ortswechsel oder biografischer Einschnitt zu verstehen ist. Vielmehr erweisen sich Exil-Konstellationen als produktive Zusammenhänge, in denen kulturelle Zugehörigkeiten und historische Narrative kritisch hinterfragt und in verschiedenen ästhetischen Praktiken neu verhandelt werden.
Eine Kooperation der DFG-Forschungsgruppe „TransExil: Verhandlungen von Ästhetik und Gemeinschaft im postrevolutionären Mexiko“ (externer Link, öffnet neues Fenster) mit dem Ibero-Amerikanischen Institut.