Gedenk- und Bildungsstätten zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Lateinamerika und Europa. Symposium in Argentinien
Gedenkstätten, Museen und Denkmäler zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind Orte des Erinnerns, des Zeugnisses und des Lernens auch für nachkommende Generationen. Teilnehmer*innen des 8. Symposiums der Elisabeth-Käsemann-Stiftung (externer Link, öffnet neues Fenster) am 3. und 4. März 2026 tauschten sich zu Erfahrungen und Perspektiven für die Zukunft aus. Vor dem Hintergrund einer von Umbrüchen und Krisen geprägten internationalen Situation in einer Zeit rasanten technischen Wandels, zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und wachsendem Druck auf die pluralistische Demokratie wurde in den Beiträgen von Vertreter*innen von Gedenkorten in Argentinien, Chile, Deutschland, Österreich und Polen deutlich, vor welchen Herausforderungen diese stehen und welche besondere Bedeutung Gedenkorten heute zukommt.
Das Symposium wurde von der Elisabeth-Käsemann-Stiftung mit dem Instituto de Investigaciones en Humanidades y Ciencias Sociales IdIHCS (externer Link, öffnet neues Fenster) und der Deutschen Botschaft in Buenos Aires (externer Link, öffnet neues Fenster) an der Universidad Nacional de la Plata (externer Link, öffnet neues Fenster) in Kooperation mit dem Ibero-Amerikanischen Institut, Memoria Abierta (externer Link, öffnet neues Fenster), der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (externer Link, öffnet neues Fenster) und dem International Committee of Memorial and Human Rights Museums (externer Link, öffnet neues Fenster) (ICMEMOHRI) organisiert.
Gedenken und langjährige Arbeit für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit auch aus dem Exil
Fünfzig Jahre nach dem argentinischen Militärputsch von 1976 sind am 24. März 2026 Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und in Menschenrechtsorganisationen Engagierte aus Lateinamerika und Berlin im Ibero-Amerikanischen Institut (IAI) zusammengekommen, um zum “Día de la Memoria por la Verdad y la Justicia” in den Blick zu nehmen, welchen Fortschritten, aber auch welchen großen Herausforderungen sich die Erinnerung und Aufarbeitung der letzten Diktatur in Argentinien derzeit gegenübersieht.
Recht auf Wahrheit
Unterschiedliche wissenschaftliche ebenso wie persönliche Perspektiven auf Diktatur und Erinnerung eröffnete auch das Podium an diesem Abend:
Ezequiel Monteros, Künstler, Kulturproduzent und Sprecher der Organisation der Kinder der Opfer der Militärdiktatur H.I.J.O.S. Deutschland, brachte mit dem Slogan „Que digan dónde están” („Sie sollen sagen, wo sie sind“) eine zentrale Forderung der argentinischen Menschenrechtsorganisationen zum 50. Jahrestag des Militärputsches nach Berlin. Noch immer hüllen sich die noch lebenden Verantwortlichen für die mehr als 30.000 Verhafteten und Verschwundengelassenen während der Diktatur in Schweigen darüber, was mit den Opfern geschehen ist.
Die Juristin und Kriminologin Valeria Vegh Weis, die als Research Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz (externer Link, öffnet neues Fenster) unter anderem zur Rolle von Opferorganisationen im Umgang mit den Folgen massiver Menschenrechtsverletzungen forscht, stellte trotz der Versäumnisse bis heute eindrücklich dar, welche Vorreiterrolle Argentinien in den ersten Jahren der Demokratie nach 1983 für Internationales Recht und die Menschenrechte weltweit einnahm, nicht zuletzt mit der weltweit ersten erfolgreich eingesetzten Wahrheitskommission.
Rosario Figari Layus, Soziologin am Zentrum für Versöhnungsforschung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (externer Link, öffnet neues Fenster), die für ein „Archiv der Erinnerung“ selbst zahlreiche Interviews mit Überlebenden geführt hat, die zum Teil erstmals über das sprachen, was ihnen angetan wurde, hob die Bedeutung eines fortgesetzten Wiedergutmachungsprozesses und der sozialen Anerkennung des erlebten Unrechts hervor, über eine materielle Entschädigung hinaus und auch jenseits der urbanen Zentren. Selbst, wenn es vielfach kein Recht auf Gerechtigkeit gäbe, könne das Recht auf Wahrheit niemandem genommen werden.
Die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Mariana Eva Perez, die am Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas CONICET (externer Link, öffnet neues Fenster) und der Universidad de Buenos Aires forscht und derzeit Gastwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin (externer Link, öffnet neues Fenster) ist, befasst sich besonders mit den Gewalterfahrungen und der bis heute schwierigen Situation von Kindern der Verschwundenen ebenso wie Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Entführungen während der Militärdiktatur wurden.
Ein besonderer Moment der Erinnerung verbindet sie mit Berlin: Ihre Großmutter Rosa Roisinblit saß 2011 als Vizepräsidentin der Abuelas de Plaza de Mayo mit damals 92 Jahren bereits auf derselben Bühne des Ibero-Amerikanischen Instituts, um über ihre Erfahrungen und ihre Arbeit zu berichten.
Erinnerung entsteht aus dem Heute heraus
Gewürdigt wurden das unschätzbare Engagement der Madres und Abuelas de la Plaza de Mayo, den Müttern und heute Großmüttern der Verfolgten und Verschwundenen, und immer wieder auch der Beitrag all der zahllosen Opfer, Überlebenden, Familienangehörigen und aus dem Exil Wirkenden, die den kollektiven Einsatz für Erinnerung und Gerechtigkeit bis heute tragen und dabei oft unsichtbar bleiben.
Dieser Einsatz sei umso wichtiger angesichts der schwierigen Situation zivilgesellschaftlicher und wissenschaftlicher Einrichtungen, die sich Kürzungen und Streichungen von Förderprogrammen gegenübersehen. Die Beiträge der Veranstaltung appellierten eindringlich für einen Erhalt von Gedenkstätten und Archiven und damit für den dauerhaften Zugang zu diesem historischen Erbe.
Ein Signal sendeten die zehntausenden Argentinier*innen, die an diesem 24. März allein in Buenos Aires mit der Botschaft „¡Nunca más!“ („Nie wieder!“) auf die Straßen gingen. Erinnerung entstehe aus dem Heute heraus, so die Beitragenden der Veranstaltung in Berlin, was die Auseinandersetzungen mit der Erinnerung in der Gegenwart so bedeutsam mache, im politischen, kulturellen und künstlerischen Raum. Diese Räume dürften nicht aufgegeben werden, sind sie doch entscheidend für die Verteidigung der Menschenrechte und die Weitergabe der Erinnerung an künftige Generationen.