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Krisen in Sammlungsinstitutionen - von Lateinamerika lernen: Herausforderungen, Strategien und Lösungsansätze

In diesem Forschungsprojekt wird der Umgang mit unterschiedlichen Arten von Krisen in lateinamerikanischen Sammlungsinstitutionen (Museen, Bibliotheken, Archive) untersucht, um davon ausgehend innovative Lösungsansätze für vergleichbare Krisen in deutschen Sammlungsinstitutionen zu entwickeln. Es wird analysiert, welche Praktiken, Strategien und Lösungsansätze zum Umgang mit Krisen in Lateinamerika entwickelt wurden und inwiefern transnationale Lernprozesse und Kooperationsformen zur Entwicklung von resilienteren Strukturen beitragen können. Das Projekt behandelt Sammlungsinstitutionen als aktive, innovative Akteure gesellschaftlicher Resilienz und versteht internationale Wissenstransfers nicht hierarchisch, sondern gleichberechtigt dialogisch. Zudem zielt es darauf ab, Praktiker*innen und Forschende in Austauschformaten zusammenzubringen, die eine gemeinsame Wissensproduktion ermöglichen, und digitale Ansätze (u.a. für Open Access Publikationen, Datenintegration, virtuelle Vernetzungen) mit gesellschaftlicher Inklusion zu verknüpfen. 

Drittmittelprojekt

Wichtige Details

Koordination:

Kooperationspartner / Institutionen:

Andrea Scholz (Ethnologisches Museum, Stiftung Preußischer Kulturbesitz)

Beschreibung

Ausgangslage

Kulturelles Erbe ist ein zentraler Bestandteil kollektiver Identität, historischer Selbstvergewisserung und gesellschaftlicher Resilienz. Museen, Archive und Bibliotheken sind Orte der Bewahrung, des Wissens und der Vermittlung. In Zeiten multipler Krisen – etwa globaler Gesundheitskatastrophen wie der COVID 19-Pandemie, Klimawandel, Kriege, politischer Instabilität, aber auch finanzieller Knappheit und Volatilität, politischer Polarisierung, Restitutionsforderungen indigener und afroamerikanischer Akteure und gesellschaftlicher Erwartungen an einen geänderten Umgang mit postkolonialen bzw. kulturell sensiblen Materialien – stehen Sammlungsinstitutionen vor wachsenden Herausforderungen. Gleichzeitig offenbaren Krisen nicht selten das Potenzial neuer, transformativer Praktiken und der Weiterentwicklung institutioneller Strukturen, beispielsweise durch digitale Öffnung, partizipative Formate und internationale Kooperationen. Was jedoch bislang in der Forschung fehlt, ist eine vergleichende Untersuchung von lateinamerikanischen Sammlungsinstitutionen mit dem Ziel, aus dem Austausch mit den Partnern aus Lateinamerika und im Verbund der SPK konkrete Handlungsempfehlungen für Sammlungsinstitutionen in Deutschland zu entwickeln. Obwohl Lateinamerika aufgrund seiner Geschichte und Rahmenbedingungen umfassende Krisenerfahrungen hat, ist der bisher verfolgte Weg häufig der Umgekehrte: ein einseitiger Transfer von Deutschland/Europa nach Lateinamerika. Dieses Desiderat möchte das vorliegende Forschungsprojekt schließen. 
Die kooperative Bearbeitung von gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa und Lateinamerika gemeinsam mit Partnerinstitutionen diesseits und jenseits des Atlantiks ist ein seit vielen Jahren gepflegter Ansatz des IAI, der sich sowohl in Forschungsprojekten mit lateinamerikanischen Partnerinstitutionen als auch im institutionellen Publikationsprogramm des IAI niederschlägt.
 

Ziele

Konkret werden folgende Zielsetzungen verfolgt:

  1. Vergleichende Analyse der Krisenerfahrung von ausgewählten Sammlungsinstitutionen in vier lateinamerikanischen Ländern: Argentinien, Brasilien, Mexiko, Peru.
  2. Identifikation und Dokumentation von Praktiken, Strategien und innovativen Lösungsansätzen. 
  3. Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Sammlungsinstitutionen zur Stärkung ihrer Resilienz.

Das Projekt leistet in mehrfacher Hinsicht einen Beitrag zur Strategie „SPK 2030“: Es zielt darauf ab, gemeinsam mit Partnern innerhalb der SPK und mit internationalen Kooperationspartnern in Lateinamerika Strategien und innovative Lösungsansätze für den Umgang mit unterschiedlichen Typen von Krisen auszutauschen und weiterzuentwickeln. Auch die digitale Transformation spielt in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Durch das Projekt werden die Kooperations-Netzwerke innerhalb und außerhalb der SPK gestärkt und die gesellschaftliche Rolle von Sammlungsinstitutionen für einen innovativen Umgang mit Krisen sichtbar gemacht. 

Arbeitsplan

In einem ersten Arbeitspaket (WP 1) werden die Rahmenbedingungen für Sammlungsinstitutionen in Argentinien, Brasilien, Mexiko und Peru in vergleichender Perspektive untersucht:

  • Welche gesetzlichen Regelungen für den Umgang mit Kulturerbe existieren?
  • Welche internationalen Abkommen zu Kulturerbe haben die Länder unterzeichnet?
  • Wie werden Sammlungsinstitutionen finanziert?
  • Wie wirken sich politische Umbrüche auf Förderprogramme und Maßnahmen von Kulturgutschutz aus?
    Die Bearbeitung dieser Fragen wird methodisch durch Internetrecherchen, die Analyse einschlägiger Gesetzestexte, Abkommen, Förderprogramme sowie unter Berücksichtigung weiterführender Literatur vorgenommen.

Im zweiten Arbeitspaket (WP2) wird analysiert, mit welchen Krisen Sammlungsinstitutionen in Argentinien, Brasilien, Mexiko und Peru seit 2010 konfrontiert waren und wie sie mit den daraus entstandenen Herausforderungen umgegangen sind. Dabei werden vorzugsweise Institutionen untersucht, mit denen das IAI bereits in der Vergangenheit in unterschiedlicher Form zusammengearbeitet hat. Durch diese Kooperationsprozesse sind Vertrauensnetzwerke entstanden, die einen guten Zugang für die Analyse versprechen. Zur Analyse der Krisenerfahrungen sind neben Internet- und Literaturrecherchen ausführliche Experteninterviews mit Vertreter*innen der jeweiligen Institutionen und weiteren Expert*innen in den vier Ländern geplant. Dazu wird in einem ersten Schritt ein Interviewleitfaden entwickelt. Es wird zwischen unterschiedlichen Typen von Herausforderungen und Krisen unterschieden, die sich auf materieller, organisatorischer, gesellschaftlicher und politischer Ebene manifestieren können:

  1. Institutionelle und finanzielle Engpässe: Viele Sammlungsinstitutionen leiden unter struktureller Unterfinanzierung und Volatilität, Personalengpässen und einem Mangel an infrastrukturellen Ressourcen. Dies führt zu Problemen bei der Erhaltung, Restaurierung, Digitalisierung und wissenschaftlichen Erschließung der Sammlungen.
  2. Natürliche und anthropogene Katastrophen: Museen, Archive und Bibliotheken sind oft gefährdet durch Brände, Umweltkatastrophen, Feuchtigkeit, Schädlingsbefall und Diebstahl. Ein prominentes Beispiel ist der verheerende Brand des Museu Nacional in Rio de Janeiro 2018, der über 80% der Sammlung zerstörte und die Problematik von Katastrophenschutz und Wiederaufbau deutlich machte.
  3. Postkoloniale Debatten und politische Herausforderungen: Viele Sammlungen stammen aus kolonialen Kontexten und sind Teil komplexer Verflechtungen von Wissensproduktion, politischen Machtverhältnissen und kultureller Aneignung. In Lateinamerika sind die Dekolonisierung von Sammlungen, Rückgabe oder Repräsentation indigener und afroamerikanischer Kulturen, die Anerkennung pluraler Wissensformen, Wissenspraktiken und Ontologien sowie um das Ko-Management von Sammlungen.
  4. Digitale Infrastruktur, Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von Sammlungen: Die Digitalisierung bietet Chancen für bessere Zugänglichkeit und Vernetzung, stellt aber auch hohe technische und finanzielle Anforderungen. In vielen Regionen fehlt es an stabiler Internetinfrastruktur, qualifiziertem Personal und nachhaltigen Konzepten für digitale Sammlungen.
  5. Gesellschaftliche Teilhabe und kulturelle Diversität: Institutionen stehen vor der Aufgabe, Zugangsbarrieren abzubauen, partizipative Vermittlungsformate zu entwickeln und vielfältige Nutzergruppen, insbesondere indigene Gemeinschaften, in die Pflege und Präsentation des Kulturerbes einzubeziehen.
  6. Globale Ungleichheiten und gleichberechtigte Kooperationen: Sammlungen in Lateinamerika sind oft mit internationalen Institutionen verbunden, was Chancen für Kooperationen, aber auch Spannungen im Hinblick auf Eigentum, Repräsentation und epistemische Gerechtigkeit mit sich bringt.
     

Wir gehen davon aus, dass Sammlungsinstitutionen in Lateinamerika je nach Herausforderung sowie sozialem, politischem und ökonomischem Kontext unterschiedliche Krisenbewältigungsstrategien implementieren:

  • Institutioneller Kapazitätsaufbau: Verstärkung der Infrastruktur, Ausbildung von Personal, Ausbau von Notfallplänen und Katastrophenschutzmaßnahmen.
  • Digitalisierung und Technologie, inkl. AI: Bestände digitalisieren, digitale Zugänge schaffen, digitale Plattformen für Forschung und Öffentlichkeit nutzen.
  • Dekoloniale und partizipative Ansätze: Einbeziehung indigener und lokaler Gemeinschaften, Rückgabepolitik und Anerkennung vielfältiger Wissenssysteme.
  • Finanzielle Diversifizierung: Nutzung internationaler Fördermittel, Aufbau von Kooperationen mit Stiftungen und privaten Partnern, nachhaltige Finanzierungsmodelle.
  • Soziale Vernetzung: Kooperation mit lokalen Gemeinschaften, solidarische Modelle der Krisenbewältigung, Förderung gesellschaftlicher Teilhabe.
    Die Krisenbewältigungsstrategien werden unter Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen verglichen. Dabei geht es auch darum, besonders erfolgreiche Strategien zu identifizieren.

Im dritten Arbeitspaket (WP3) ist die Planung, Vorbereitung und Durchführung eines internationalen Workshops vorgesehen, der 2027 am IAI stattfinden soll und zu dem neben Vertreter*innen von jeweils einer Sammlungsinstitution aus den untersuchten lateinamerikanischen Ländern auch Expert*innen von deutschen Sammlungsinstitutionen eingeladen werden. Ziel ist es, die in WP2 erarbeiteten Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren sowie in einen Dialog mit Vertreter*innen von Sammlungsinstitutionen in Deutschland zu treten.

Das vierte Arbeitspaket (WP4) dient der Aufbereitung der Projektergebnisse für die interessierte Öffentlichkeit:

  • Aufbau einer Internetpräsentation mit zentralen Projektergebnissen und Best Practice Beispielen.
  • Verfassen eines Policy-Papers mit den wichtigsten Projektergebnissen und Handlungsempfehlungen für Sammlungsinstitutionen.
  • Herausgabe eines Sammelbandes in englischer Sprache mit den wichtigsten Projektergebnissen.
     

Zu erwartende Ergebnisse

  • Open Access Publikation in englischer Sprache mit Beiträgen zu Krisen- und Resilienzstrategien von Sammlungsinstitutionen in Lateinamerika und Ergebnissen des internationalen Workshops.
  • Policy Brief für Kulturpolitik und internationale Organisationen.
  • Offene Wissensplattform mit Fallstudien, Best Practices und partizipativen Ansätzen.
  • Stärkung transregionaler Partnerschaften zwischen Sammlungsinstitutionen in Deutschland und Lateinamerika. Einbeziehung von Mittlerinstitutionen wie dem Goethe Institut.