Laufende Projekte
PROJEKTE IM RAHMEN DES FORSCHUNGSSCHWERPUNKTES
Deutsche Wissenschaftler in Argentinien (1850-1930)
Ziel des vorliegenden Projekts ist es, die Aktivitäten deutscher Wissenschaftler in Argentinien zwischen 1850 und 1930 zu analysieren. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass deutsche Wissenschaftler, die sich über einen längeren Zeitraum in Argentinien aufhielten, Träger von Austausch- und Transferprozessen zwischen beiden Ländern wurden und somit wichtige Akteure der Transnationalisierung darstellen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Zeitpunkt der Umorientierung der Forschungsinteressen des renommierten Zoologen Hermann Burmeister nach Südamerika, die in Verbindung mit der wegweisenden Amerikareise Alexander von Humboldts stand und als Entstehungsmoment einer Kettenmigration von Wissenschaftlern bewertet werden kann, bis zum Ende der Weimarer Republik. Mit seiner Fokussierung auf das transnationale Moment will das Projekt einen Beitrag zur Relativierung des vorherrschenden methodischen Nationalismus liefern. Schließlich ermöglicht die Beleuchtung der konkreten Formen der Übertragung wissenschaftlicher Praktiken von Deutschland nach Argentinien und umgekehrt durch die daran beteiligten Wissenschaftler ein besseres Verständnis der Mechanismen des Kulturtransfers.
Koordination: Dr. Sandra Carreras; Laufzeit: 2010-2013
Formale Erschließung und wissenschaftliche Bearbeitung des Nachlasses von Wolfgang Hirsch-Weber
Im Rahmen des von der DFG gefördeten Projekts wird der umfangreiche Nachlass des deutschen Politikwissenschaftlers Wolfgang Hirsch-Weber (1920-2004) formal erschlossen und wissenschaftlich bearbeitet. Der Nachlass setzt sich aus mehr als 4.000 Briefen, veröffentlichten und unveröffentlichten Werkmanuskripten, Abschriften von Interviews mit Zeitzeugen aus Chile (1978-1983), Notizbüchern, Notizen (Einzelblätter), Lebensdokumenten, Fotos und anderen Dokumenten zusammen. Von herausragender Bedeutung ist die Korrespondenz aus den Jahren 1938-2000, darunter der Briefwechsel mit führenden Forscherpersönlichkeiten der Zeit sowie mit deutschen und lateinamerikanischen Politikern und Kulturschaffenden.
Die wissenschaftliche Bearbeitung des Nachlasses verfolgt drei zentrale Ziele: 1. die Publikation einer kritischen Edition des im Nachlass enthaltenen unveröffentlichten Manuskripts mit Erinnerungen Hirsch-Webers der Jahre 1920 bis 1940, das aufschlussreiches Material zur Erforschung der Konstruktion von Erinnerung über Exil und Migration enthält; 2. einen Beitrag zur Erforschung der politischen Aktivitäten deutscher Emigranten in Lateinamerika inkl. der Durchführung eines internationalen Symposiums zum Thema „Migration und politisches Engagement“; und 3. einen Beitrag zur Erforschung der deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen am Beispiel der internationalen Aktivitäten der deutschen Sozialdemokratie in der Region.
Koordination: Dr. Sandra Carreras/ Dr. Gregor Wolff; Laufzeit: 2009-2012
Moderne und Differenz. Identitätskonstruktionen lateinamerikanischer "Hombres de Letras" im 19. und Intellektueller im 20. Jahrhundert
Untersucht werden die postkolonialen Identitätskonstruktionen der lateinamerikanischen "Hombres de Letras" und der Intellektuellen im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Aspekt ihres Verhältnisses zu den europäischen Metropolen. An deren Kulturmodellen orientieren sie sich einerseits, andererseits versuchen sie sich in der postkolonialen Situation von ihnen abzugrenzen. Einen Schwerpunkt des Projektes bildet die Analyse der Fraktionierung intellektueller Eliten und Diskurse (feministische, postkoloniale, postmoderne, ethnische Diskurse, etc.). Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt. 2010 fand am EL Colegio de México das Symposium "La historia intelectual como historia literaria (México y Argentina)" statt. Ein Projektantrag zur Durchführung eines internationalen Symposiums und weiterer Forschungsaktivitäten wurde 2011 gestellt.
Koordination: Dr. Friedhelm Schmidt-Welle; Laufzeit: 2010 - 2015.
Vom Feld zur Wissensmetropole
Das Projekt untersucht den Prozess der Wissenszirkulation zwischen dem Feld als spezifischen Raum der Wissensproduktion und der Wissensmetropole Berlin als einem historisch etablierten Zentrum der Produktion, des Austausches und der Archivierung von Wissen aus außereuropäischen Regionen. Anhand von historischen und rezenten Feldforschungsmaterialien sollen folgende Themen untersucht werden: Was sind die Objekte und Medien des Feldes, im Sinne der materiellen Hinterlassenschaften des holistischen Erkenntnisprozesses im Feld? Wie zirkulieren Personen, Objekte, Medien und Wissen zwischen dem Feld und der Metropole Berlin? Wie werden die Objekte und Medien aus dem Feld in Berlin re-kontextualisiert und neu organisiert; d.h. zwischen unterschiedlichen Wissensarchiven aufgeteilt (z.B. IAI, Ethnologisches Museum, Naturhistorisches Museum, Medizinhistorisches Museum)? Neben historischen Analysen, die sich auf die erste Hälfte des 20 Jh. konzentrieren, soll im Projekt auch auf die Rolle der Wissenszirkulation für die Wissensarchive heute eingegangen werden. So sollen die Auswirkungen neuer Wissensformen und neuer Wege des Wissens, anders strukturierte Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie für die Wissensarchive heute untersucht werden. Zusammen mit Dr. Sandra Carreras ist ein DFG-Antrag zu Wissensbewegungen zwischen Deutschland, Argentinien und Chile (1850-1930) in Vorbereitung. Darüber hinaus wird zurzeit im Rahmen des Antrags der Humboldt-Universität zu Berlin auf die Einrichtung des Exzellenz-Cluster "Image Knowledge Design. An Interdisciplinary Laboratory" ein interdisziplinäres Teilprojekt entwickelt.
Koordination: Dr. Barbara Göbel
Wissenschaftlicher Austausch zwischen Deutschland und Chile seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Obwohl Chile zu den kleineren lateinamerikanischen Ländern gehört, hat es im Rahmen der wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika traditionell eine wichtige Rolle gespielt. Umgekehrt ist Deutschland auch für chilenische Studierende und Wissenschaftler seit langer Zeit ein bedeutender Referenzpunkt in Europa. Ziel des Projektes ist die Untersuchung wechselseitiger akademischer Einflüsse, Impulse und Netzwerkbildungen zwischen beiden Ländern seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Chilenische WissenschaftlerInnen, die ihre Dissertation in Deutschland geschrieben haben, und deutsche WissenschaftlerInnen, die eine längere Zeit in Chile verbracht haben, sollen u.a. dazu befragt werden, inwiefern der Aufenthalt im jeweils anderen Land sich auf ihr Theorie- und Methodenverständnis ausgewirkt hat und welche wissenschaftlichen Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen dadurch entstanden sind. Zudem soll die Rolle deutscher Wissenschaftler und Forscher bei der Entwicklung der chilenischen Sozialwissenschaften untersucht werden. Analysiert werden auch die Bedeutung des Exils in den beiden deutschen Staaten, die Rolle der deutschen Parteienstiftungen und der kirchlichen Hilfswerke sowie die Bedeutung der akademischen Austauschprogramme für die Wissenschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Dr. Enrique Fernández (Universidad Alberto Hurtado) und Prof. Dr. Nikolaus Werz (Universität Rostock) durchgeführt.
Koordination: Dr. Peter Birle; Laufzeit: 2011-2014
PROJEKTE AUSSERHALB DES FORSCHUNGSSCHWERPUNKTES
Archäologisches Projekt Dzehkabtun
Dzehkabtun, eine Ruinenstätte der früh- bis endklassischen Mayakultur im Norden des mexikanischen Bundesstaates Campeche, ist der Forschung bekannt, seit Teobert Maler sie 1887 besuchte und verschiedene Gebäude und Monumente im Zentrum der Siedlung beschrieb, fotografierte und skizzierte.
Das geplante Vermessungs- und Grabungsprojekt schließt an Voruntersuchungen aus dem Jahr 2008 an, in deren Rahmen das Zentrum des Ortes durch ein Team der Universität Bonn unter Leitung von Dr. Iken Paap vermessen wurde. Dabei zeigte sich, dass Dzehkabtun um einiges größer und architekturstilistisch heterogener war als bisher angenommen - so gibt es Hinweise auf großflächige Bauaktivitäten in der End- oder Epiklassik. Diese späten Bauten unterscheiden sich in der Bauweise und Raumkonzeption von den vergleichsweise gut dokumentierten "c-förmigen Strukturen" im nördlich benachbarten Puuc-Gebiet. Sie sollen im Rahmen des geplanten Projektes archäologisch untersucht werden, um Fragen nach der Kontinuität seit der Klassik (während derer Dzehkabtun im Übergangsgebiet von zwei architektonischen Stilregionen lag), dem soziopolitischen Gefüge und den Gründen für die Aufgabe dieser Siedlung wie auch der benachbarten Zentren auf der zentralen Halbinsel Yucatán in einen größeren regionalen Zusammenhang stellen zu können. Daneben soll die Vermessung und Kartierung der Siedlung fortgesetzt werden, zum einen, um die Basis für weitere siedlungsarchäologische Untersuchungen zu gewinnen und zum anderen, um das Siedlungsareal in Zukunft in Mexiko offiziell registrieren und damit vor weiteren Zerstörungen durch das regelmäßige Abbrennen der Vegetation sowie Steinraub schützen zu können. Die Finanzierung des Projektes erfolgt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Planung und Koordination: Dr. Iken Paap
Documenta Grammaticae et Historiae, Phase II: Portugiesisch
Documenta erforscht und dokumentiert die Geschichte der Sprachwissenschaft. Ziel ist es, ein elektronisches Korpus der in Brasilien und Portugal zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert verfaßten Grammatiken zu erstellen, diese Texte in den historischen Kontext ihrer Produktionsbedingungen und ihrer Rezeption einzuordnen, die Metasprache der Grammatik zu erfassen, um daraus ein elektronisches Wörterbuch zusammenzustellen, und die Materialien für weitere Forschungen verfügbar zu machen (Dr. Ulrike Mühlschlegel, in Zusammenarbeit mit dem Centro de Documentação em Historiografia Linguística (CEDOCH), Departamento de Linguística, Universidade de São Paulo).
Koordination: Dr. Ulrike Mühlschlegel
Lateinamerikanische Außenpolitiken im Vergleich
Ziel des Projektes ist eine vergleichende Analyse der Außenpolitiken von acht lateinamerikanischen Ländern (Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Peru und Venezuela). Im Kern geht es um die Frage, welche internen und externen Variablen zur Erklärung der Außenpolitiken herangezogen werden können. Der Untersuchungszeitraum bezieht sich im wesentlichen auf die Entwicklungen seit dem Ende des Kalten Krieges. Eine besondere Berücksichtigung finden die Beziehungen zu den lateinamerikanischen Nachbarn und die Haltung gegenüber den Prozessen regionaler Kooperation und Integration.
Koordination: Dr. Peter Birle; Laufzeit: 2009-2013
Literarische Repräsentation von Erinnerung: Juan Rulfo und Julio Llamazares
„Erinnerung“ ist in den letzten 25 Jahren zu einem Querschnittsthema der Kulturwissenschaften, aber auch der Medizin, der Biologie und der klinischen Psychologie avanciert. Letztere werden meist unter dem Begriff Hirnforschung zusammengefasst. Diese hat die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns zum Gegenstand, wobei sie in erster Linie von der Analyse von Hirnkrankheiten ausgeht, also wie immer gearteten Einschränkungen der Erinnerungsfähigkeit des Individuums bis zum völligen oder zeitweisen Verlust des autobiografischen (episodischen) Gedächtnisses. Zeitgleich wurde aus den Kulturwissenschaften heraus die Erforschung der kollektiven bzw. kulturellen Erinnerung vorangetrieben. Wie in der empirischen Hirnforschung geht man auch hier inzwischen vom (Re-)Konstruktionscharakter jeglicher episodischer Erinnerung aus. Im spanischsprachigen Raum prägen bislang Studien zur postdiktatorialen Memoria die kulturwissenschaftliche Erinnerungsforschung. Erinnerung wird in erster Linie im Kontext von historischen Traumata untersucht. Demgegenüber geht es in dem interdisziplinär angelegten Forschungsprojekt um die Untersuchung literarischer Repräsentation individueller wie kollektiver Erinnerung im Anschluss an die Erkenntnisse der Hirnforschung und der Kulturwissenschaften sowie um eine kritische Betrachtung der Konstruktion und Funktionalisierung von Vergangenheit. In einer ersten, dreijährigen Projektphase ist ein Vergleich der Repräsentation von Erinnerung in der Prosa des Mexikaners Juan Rulfo und des Spaniers Julio Llamazares geplant. Erinnerung bildet in den Texten beider Autoren ein zentrales Motiv sowie Stimulanz des Erzählprozesses. Ziel ist es, die Einschreibung der literarischen Erinnerung in die kollektive Erinnerung und ihre gleichzeitige Abgrenzung von der offiziellen Erinnerung, wie sie sich in Jahrestagen, Monumenten, Geschichtsschreibung etc. manifestiert, zu analysieren. Für 2012 ist die Herausgabe eines interdisziplinären Sammelbandes zu Erinnerungskulturen geplant, für 2014 eine Monografie zu Rulfo und Llamazares.
Koordination: Dr. Friedhelm Schmidt-Welle; Laufzeit: 2011 – 2013
Sozio-ökologische Ungleichheiten in Lateinamerika
Im Rahmen der neuen Förderlinie "Stärkung und Weiterentwicklung der Regionalstudien (area studies)" fördert das BMBF das Kompetenznetz "Interdependente Ungleichheitsforschung in Lateinamerika – desiguAldades.net". Ziel des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerkes, deren Sprecher Dr. Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut) sowie Prof. Dr. Marianne Braig und Prof. Dr. Sérgio Costa (Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin) sind, ist die Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika, die durch wachsende globale Verflechtungen geprägt sind. Eine der vier Forschungsdimensionen des Netzwerkes sind sozio-ökologische Ungleichheiten. Sie wird von Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut) und Dr. Imme Scholz (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn) koordiniert. Im Zentrum des Interesses stehen Umweltkonflikte, der ungleiche Zugang zu natürlichen Ressourcen sowie die ungleiche Verteilung von Umweltkosten und Umweltrisiken. Darüber hinaus werden Wissensassymmetrien untersucht. Zwei thematische Schwerpunkte sind die transregionalen Verflechtungen und lokalen sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen des Agrobusiness (z.B. Sojaanbau, Forstwirtschaft) und des Bergbaus. Im Rahmen dieses Schwerpunktes führt Barbara Göbel das Teilprojekt "Transnationaler Bergbau und sozio-ökologische Ungleichheiten: Lithium Abbau in der Puna de Atacama" durch.
Koordination: Dr. Barbara Göbel; Laufzeit 2009 - 2013
Umwelt, Weltbild und Ressourcennutzung im Andenhochland Nordwest-Argentiniens
Im Zentrum des Projektes steht die Frage, wie ökonomische Strategien durch kulturspezifische Umweltwahrnehmung, religiöse Vorstellungen und soziale Interaktionen mitbestimmt werden. Es soll auf diese Weise ein Beitrag geliefert werden für eine präzisere Erfassung der komplexen Zusammenhänge zwischen Interesse, Wissen (Einstellungen, Risikowahrnehmung, Informationen, Konventionen) und Handeln. Ein interkultureller Vergleich der Umweltkonzeptualisierungen und Risikovorstellungen von indigenen Hochlandbewohnern und Vertretern staatlicher, kirchlicher und politischer Organisationen ermöglicht darüber hinaus genauer zu erfassen, wie sich Umweltwissen in multiplen kulturellen Interaktionszusammenhängen und unterschiedlichen Machtkonstellationen verändert. Das Projekt basiert auf mehreren ethnographischen Feldforschungen in Nordwest-Argentiniens und Nord-Chile und umfassender Archivarbeit in Argentinien, Chile und Bolivien. Eine Monographie ist in Vorbereitung.
Koordination: Dr. Barbara Göbel
